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Hört auf zu behaupten, Ihr wärt zu alt für den Scheiß

Ob es noch zu früh ist, für einen Jahresrückblick? Wenn nicht, hier mein preisgekrönter Unsatz des Jahres 2016 : „Ich bin zu alt für den Scheiß“.

Ich verstehe ja, wenn ein 80 Jähriger, herzkranker Mensch mit Schlaganfallrisiko sagt, er sei zu alt für Bungee Jumping. Und dass meine Oma sich zu alt fühlt, ne fette Party mit Stroboskop und lautem Techno zu schmeißen, weil sie einfach verdammt schlecht hört und sieht, macht für mich genauso Sinn. Allerdings scheint „Ich bin zu alt für den Scheiß“ in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine unhinterfragte Universalbegründung geworden zu sein. Und nicht nur das, es ist wieder eine dieser künstlich erzeugten, gedanklichen Grenzen, die uns ausbremst, das zu tun, was wir wirklich, wirklich wollen.

Ich bin zu alt dafür, einen über den Durst zu trinken. Ich bin zu alt, um eine Weltreise zu machen. Ich bin zu alt für ein getuntes Auto. Ich bin zu alt, für einen beruflichen oder privaten Neuanfang. Ich bin zu alt für Metal, Hip Hop oder Techno. Ich bin zu alt, für eine Tätowierung und für die Hüpfburg, die verdammt lustig aussieht, bin ich auch zu alt. Ich bin zu alt, um keinen Bock auf Schnee schippen zu haben und ich bin zu alt dafür, den ganzen Sonntag unproduktiv zu sein, weil ich Samstag Nacht nur unproduktive Dummheiten gemacht habe. Ich bin zu alt zum rebellieren. Ich bin zu alt dafür, mein Geld zu verprassen, stattdessen lege ich es intelligent an. Und wenn ich dieser Linie nicht konsequent treu bleibe, dann bin ich auch noch zu alt dafür, Kinder zu kriegen, also suche ich mir lieber einen mittelmäßigen Partner, der zumindest solide und zeugungsfähig ist, weil für die romantische Suche nach der großen Liebe bin ich übrigens auch viel zu alt. Und überhaupt für alles, worüber die Leute sagen, man wäre dafür eben irgendwann mal zu alt. Wusstet ihr, dass Frauen denken, ab 35 seien sie bald zu alt, um Kinder zu kriegen? Na Alter.

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Kluge Menschen verstehen es, den Abschied von der Jugend auf mehrere Jahrzehnte zu verteilen (Francoise Rosay, französische Schauspielerin)

Ihr kennt sicher Videos, wie diese, die sich viral verbreiten:

Ein alter Mann spielt mit Schnee. Ein Paar, dass schon seit 60 Jahren verheiratet ist, tanzt auf der Straße. Ein Opa raucht ne Bong. Eine alte Frau lacht so sehr, dass sie ihr Gebiss verliert. Warum bringen uns diese Videos zum lächeln? Warum wird uns ganz warm ums Herz, wenn wir diese Menschen beobachten? Wir wünschen uns das Gleiche für uns auch. Wir möchten Lebensfreude und Neugier und den Mut, nach unserem Herzen zu handeln. Manchmal vielleicht unvernünftig. Ganz wie ein Kind. Doch wird uns das gelingen, wenn wir versuchen, uns mit Ausreden, wie unserem Alter, aus der Affäre zu ziehen? Wahrscheinlich nicht.

Hand auf´s Herz, „Ich bin zu alt dafür“ ist einfach nur eine gemütliches Kostüm für Sätze, wie: Es ist mir peinlich. Ich bin zu angepasst. Ich habe Angst davor, was andere Leute über mich denken könnten. Es ist mir nicht mehr wichtig. Meiner Erfahrung nach, tut es mir nicht gut. Ich bin schon zu oft gefallen und habe jetzt Angst vor den Schmerzen. Das ist schon okay, aber sollten wir nicht aufhören, einem externen, unbeeinflussbaren Faktor, die Schuld an unserer Situation zu geben? Das ist Augenwischerei und soll in uns die Illusion erzeugen, dass es nicht in unserer Verantwortung liegt, was wir tun oder lassen. Es ist die böse, kontinuierlich fortschreitende Zeit, die uns einen Strich durch die Rechnung macht. Wir würden ja so gerne, aber leider, leider, sind wir  keine 15 mehr. Blödsinn. Am Ende ist „Ich bin zu alt dafür“ ein Korsett, das von Anderen für uns geschneidert wurde.

Warum mich das so nervt? Weil ich finde, dass diese Angepasstheit unsere Welt schrecklich langweilig macht. Und weil ich einfach nicht damit aufhören kann, es schade zu finden, wenn andersartige, interessante Menschen, Hemmungen haben. Und zuguterletzt ist es schlichtweg Irrsinn, jahrelang darauf zu warten, endlich volljährig zu sein, weil man sich nach der gedanklichen und finanziellen Freiheit des Erwachsenseins sehnt, nur um sich dann nach einer kurzen Zeitspanne wieder selbst zu beschneiden.

Schon klar, wir wollen alle vorwärts kommen. Wir wollen Erfolg haben, bei dem, was wir tun. Wir wollen nichts dem Zufall überlassen, Risiken minimieren. Nur schließt das Eine das Andere nicht zwangsläufig aus. Es gibt Studien darüber, dass die guten Jobs oft gerade diejenigen Studenten bekommen, die häufig feiern gehen. Warum? Weil sie in ihrer Freizeit Bekanntschaften schließen, weil sie auf Partys Sympathisanten und Verbündete finden. Nur so als Beispiel.

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. (Friedrich Nietzsche)

 

Also. Lasst uns doch aufhören, mit dieser grässlichen Überangepasstheit. Wir sind nicht zu alt zum Träumen. Wir sind nicht zu alt dafür, zu scheitern und wieder aufzustehen.

Wir sind zu alt dafür, auf die Erlaubnis unserer Mitmenschen zu warten, wenn wir etwas Ungewöhnliches tun wollen. Wir sind alt genug, selbst zu entscheiden, wie unser Leben aussehen soll. Und schließlich sind wir dann ja auch alt genug dafür, die angenehmen sowie unangenehmen Konsequenzen für unser Handeln zu tragen.

Ich für meinen Teil, freue mich jetzt schon darauf, meine Mitmenschen zum Lachen zu bringen, wenn ich als 70-jährige Omi Bock habe, mit meinem faltigen Hintern auf Hip Hop zu twerken.

Schämt euch, Rabenmütter.

frauenparkplatz-korrigiertGleich vorab: Ich bin weder eine ungefickte Feministin, noch muss ich beim Sex immer oben liegen. Emanzipiert zu sein, heißt für mich auch nicht, über Kerle herzuziehen. Den Vater meiner Kinder finde ich beispielsweise großartig. Weil er mich als Mensch schätzt und zwar ganz unabhängig von meinem Geschlecht.

Innerhalb eines halben Jahres bekam ich gleich zwei mal die selbe Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die empörend ist. Aber nicht aufgrund ihres Inhalts, sondern wegen ihrer Interpretation. Folgende Erzählung hörte ich einmal von einem Mann mittleren Alters und noch einmal von einer Frau um die 30:

„Jetzt stell‘ dir mal vor. Im Urlaub am Strand, da war diese Familie. Mutter, Vater und Kind. Während der Papa sich den ganzen Tag um den kleinen Sohn gekümmert hat, lag die Mami faul auf der Liege rum! Den ganzen Tag. Also echt, der arme Kerl.“

Ich stell‘ mir mal vor. Ich stelle mir einen Vater vor, der von früh bis spät arbeitet und scheiße nochmal glücklich ist, wenn er im Urlaub mal ausnahmsweise intensiv Zeit mit seinem Kind verbringen kann. Ich stelle mir eine Mutter vor, die sich den ganzen Tag um ihren Sohn kümmert und scheiße nochmal glücklich ist, wenn sie im Urlaub mal ausnahmsweise Zeit für sich hat. Ich stelle mir auch vor, dass die beiden vielleicht eine gleichberechtigte Vereinbarung getroffen haben. Heute ich – Morgen Du. Oder Morgens ich – Abends Du. Oder ich stelle mir eine berufstätige Mutter vor, die für das Einkommen sorgt.

Was ich mir nicht vorstelle, ist eine Frau, die ihre Familie nicht liebt, stinkfaul ist oder ihrem Mann zu Hause die Hölle heiß macht, so dass er nicht nur Röcke tragen, sondern sich auch noch um das Balg kümmern muss. Die meisten von uns gehen aber von dem aus, was sie als Normalität kennengelernt haben, nämlich arbeitende Väter und erziehende Mütter – und werten die „neuen Mütter“ ab.

Noch vor sechs Jahren – bevor ich schwanger wurde – hätte ich die Situation ähnlich konservativ interpretiert. Deshalb mache ich in diesen Momenten auch niemandem einen Vorwurf, sondern versuche diplomatisch nachzuhaken. Vielleicht hat das Kind seinen Papa vermisst? Ist es möglich, dass die Mutter diejenige ist, die die Brötchen verdient? Wäre euch die Situation auch negativ aufgefallen, wenn die Aufgabenverteilung umgekehrt gewesen wäre? Ich wünschte ich könnte meine Mitmenschen zu etwas mehr Toleranz verleiten. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, sie ein bisschen zum Nachdenken anzuregen, ohne zu wirken wie eine abgespackte, verbitterte Version von Alice Schwarzer. Es macht mich einfach nur traurig, dass Frauen sich nach wie vor in Situationen rechtfertigen müssen, die für Männer ganz selbstverständlich sind.

Und es frustriert mich. Denn wie in so vielen Fällen, zeigen solche Geschichten, dass wir unsere eigenen Gefängnisse immer wieder selbst reproduzieren und es gar nicht bemerken. Ganz im Gegenteil, wir halten uns für wahnsinnig fortschrittlich. Es ist ironisch:  Umfragen zufolge beteuern 97 % der Deutschen, dass sie Gleichberechtigung unbedingt voll toll finden. Ja, Gleichberechtigung ist total im Trend! Nur bedeutet das gleiche Recht für alle nicht automatisch, dass auch alle dieses Recht in Anspruch nehmen oder es anderen zugestehen. Denn nach wie vor sind Mütter hauptverantwortlich für Haushalt, Kinder und emotionale Angelegenheiten und somit auch der Arsch, wenn’s in diesen Bereichen hakt – egal ob sie arbeiten gehen oder nicht.  Das sieht man wunderbar an solchen Situationen.

Die kinderlosen Menschen unter Euch werden sich das vielleicht nur schwer vorstellen können. Aber es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Geburt eines Kindes auch die modernste Beziehung auf den Kopf stellt. Selbst wenn ein Paar sich jahrelang alle Pflichten fair und gleichberechtigt aufgeteilt hat, sorgt ein Kind dafür, dass Eltern sich plötzlich in den alten Rollenbildern wiederfinden. Und zwar schneller, als Angela Merkel „Vaeinbakeit“ sagen kann. Das liegt an ganz verschiedenen Faktoren, die wir alle selbst erschaffen und begünstigen.

Die eine Hälfte der Deutschen ist alt. Die andere Hälfte wurde von den Alten erzogen. Genauer gesagt von den Müttern unter ihnen. Das kennen wir, das war schon immer so. Dass Frauen mittlerweile auch Karriere machen wollen, heißt noch lange nicht, dass dies auch von der Gesellschaft unterstützt wird. Männer gehen seltener in Elternzeit, weil sie immernoch mehr verdienen. Arbeitgeber stellen lieber Männer ein, weil diese nicht in Elternzeit gehen. Frauen haben eher ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich um sich selbst kümmern (außer die am Strand, die ist cool). Dementsprechend treten Mütter zugunsten der Familie im Beruf kürzer, was dazu führt, dass Arbeitgeber sich in ihrer Sichtweise bestärkt fühlen und die Lebensläufe der Frauen Lücken bekommen, was sich wieder negativ auf die zukünftige Jobsituation auswirkt. Männer denken, dass sie den Versorger spielen müssen, weil ihre Eier sonst in der Glasvitrine der Frau ausgestellt werden. Die Betreuungssituation ist ein Witz. Die deutsche Mehrheit denkt, dass zu viel Fremdbetreuung (super Wort) Kindern schadet. Es gibt Schilder, da steht „Frauenparkplatz“ drauf. Schilder, die wenigstens „Elternparkplatz“ heißen, zeigen ein Männchen mit Rock. Männer, die Windeln wechseln, werden gefeiert wie Rockstars. Frauen die Windeln wechseln, wechseln Windeln. Menschen schmeißen ihre Wertevorstellungen zugunsten finanzieller Vorteile über den Haufen. Und so weiter und so weiter.

Hinzu kommt, dass viele Mütter die Lage noch begünstigen, indem sie ihren Männern die Möglichkeit nehmen, an neuen Aufgaben zu wachsen. In Fachkreisen nennt sich dieses Verhalten maternal gatekeeping, was bedeutet, dass einige Frauen darauf bestehen es einfach besser zu können und den Mann gar nicht erst in „ihr“ Revier lassen. Es mag sein, dass sich gewisse Klischees durch unsere Erziehung bestätigen. Frauen und Technik. Männer und Haushalt. Aber dem anderen Geschlecht grundsätzliche Kompetenzen abzusprechen finde ich nicht nur respektlos, es zeugt auch davon, dass wir nicht in der Lage sind, verschiedene Versionen von Richtig und Falsch zu akzeptieren.

Das „Sauber“ meines Mannes ist ein anderes „Sauber“ als meins. Unsere Definitonen von „wetterfest angezogen“ unterscheiden sich bei den Kindern ebenso. Wenn ich aber ständig hingehe und die Arbeit meines Gegenübers verbessere, kommuniziere ich erstmal, dass er alltagsuntauglich ist. In der Folge demotiviere ich meinen Partner. Und zuletzt reiße ich die Verantwortung wieder an mich, um mich danach zu beschweren, dass ich für alles die Verantwortung trage. Das wäre mir auch als Mann zu blöde. Wollt ihr wirklich als unfähige Trolle abgestempelt werden, die nur buckeln gehen können? Viel schöner ist es doch einen geeigneten Mittelweg zu finden. Und den dann auch nach außen hin zu vertreten. Das ist für mich Teamarbeit. Und die kann durch den Einfluss zweier verschiedener Perspektiven wahnsinnig wirksam und produktiv sein.

Versteht mich nicht falsch, ich habe kein grundsätzliches Problem mit traditioneller Rollenverteilung. Diese hat nicht zu unterschätzende Vorteile. Mein Mann und ich müssen jeden Tag so viele Dinge verhandeln und diskutieren, die im alten Model ganz selbstverständlich sind. Das ist manchmal sehr anstrengend. Außerdem bewundere ich Frauen, die sich den ganzen Tag ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmern, weil das verdammt viel Disziplin und Frustrationstoleranz erfordert. Mehr noch als die meisten Jobs.

Es nervt mich aber gewaltig, wenn übermüdete, meckernde Frauen es zulassen, dass sie ihren Job 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche erledigen, während ihre Männer nach 8-10 Stunden Arbeit nach Hause kommen und in ihrer Sitzmulde im Sofa versinken. Ist das etwa faire Arbeitsaufteilung? Ein Argument, das ich an dieser Stelle viel zu oft höre ist dieses, dass Familienarbeit ja auch Spaß machen kann. Und weiter, dass diese Arbeit ja unbezahlt ist. Die Gültigkeit dieser beiden Argumente wird selbstverständlich nicht hinterfragt und das bringt mich zum würgen. Denn ihre Botschaft ist so grausam wie irrsinnig: Arbeit darf keinen Spaß machen. Und wenn sie dazu noch unbezahlt ist, ist es auf keinen Fall richtige Arbeit und somit auch nicht anstrengend. So sieht’s aus! Deshalb haben Marathonläufer nach 42 freiwilligen, unbezahlten Kilometern auch auf gar keinen Fall Muskelkater.

Ihr großartigen, engagierten Frauen: BITTE lasst doch nicht zu, dass Eure eigene Leistung so geringschätzig behandelt wird. Oder glaubt ihr Eure Männer haben sich im Job Lachverbot erteilt? Und wenn ihr schon bei dem Spiel mitmacht, dann bitte erkennt auch den eigenen Anteil an Eurer Situation. Ihr könnt sie selbst verändern und wenn es bedeutet die abschätzigen Blicke auszuhalten, wenn ihr in der Sonne chillt. Nur indem wir zeigen, dass Gleichberechtigung normal ist, kann sie es auch werden.

Was ich mir also für die Zukunft wünsche: Parkplatzschilder, auf die Bärte geschmiert sind. Verwirrte Arbeitgeber, die desillusioniert Elternzeitanträge von Vätern unterschreiben. Mütter, die akzeptieren, dass väterliche Liebe sich nicht über den stündlichen Gebrauch von Feuchttüchern definiert.  Männer, die ihren Mädels einen Arschtritt vor die Türe geben, damit diese nach einer durchfeierten Nacht gut gelaunt ins Bett geschlüpft kommen. Menschen, die Andersartigkeit offen begegnen. Und vor allem eins: dass ich bei Grillfesten nicht mehr gefragt werde, ob ich nen verdammten Salat mache. Oder zumindest die Wahl zwischen Grünzeug und Bier habe.

 

Helden des Alltags gesucht

Auf dem Bio-Blog von denn’s könnt Ihr mittlerweile schon ein paar meiner Alltagshelden kennenlernen. So  zum Beispiel die Minimalistin Pia, Tierschützerin Rebecca, Veganerin Nastasja oder den Umweltschützer Laurin.

 

Alle Personen, die dort keinen Platz finden, werden zukünftig hier von mir vorgestellt. Worum es bei dem Projekt geht, könnt Ihr in diesem Einführungstext von mir nachlesen.

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Ich liebe Menschen, die sich trauen aus der Reihe zu tanzen. Wenn sie das Ganze dann noch zum Wohle der Gesellschaft tun, möchte ich ihnen ein Siegertreppchen basteln und ihnen vor Freude überschwänglich auf die Schulter klopfen.

Wir neigen ja schon ein bisschen dazu, uns automatisch „den Guten“ zuzuordnen. Die Umsetzung ist hier Definitionssache. Einer hält sich für einen vorbildlichen Menschen, wenn er regelmäßig seinen Rasen gemäht hat und damit die Nachbarschaft verschönert. Andere finden es wichtig, einwandfrei allgemeingebildet zu sein und eine ordentliche Berufsausbildung vorzuweisen. Ein Dritter gibt sich damit zufrieden, wenn er Online Petitionen unterschreibt oder sich gemeinschaftlich gegen die Rundfunkgebühren „erhebt“. Und der Vierte hat ein gutes Gewissen, wenn er pünktlich Steuern zahlt und alle paar Zeiten seine Stimme abgibt.

Gegen keines der aufgezählten Dinge habe ich etwas einzuwenden. Unsere Gesellschaft wäre nicht das was sie ist, wenn nicht jeder von uns seinen Beitrag leisten würde. All die aufgereihten Verhaltensweisen sind wertzuschätzen aber fallen eben doch nicht aus der Reihe. Sie sind gesellschaftlich anerkannt und meist erwünscht. Sie erfordern wenig Courage und sind häufig sehr bequem. Sie entsprechen dem Leitbild eines vorbildlichen Bürgers.

„Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, dann ist es Zeit sich zu besinnen.“ (Mark Twain)

Allzu oft habe ich aber das Gefühl, dass das, was wir unter einem ordentlichen Bürger verstehen, einen Hauch von Ignoranz und Bequemlichkeit hat. Hauptsache der Norm entsprechend. Ist es anerkannt, dann muss es auch gut sein. Und dann darf Herr Saubermann auch mit dem Finger auf andere zeigen.

Wir blättern in unseren Zeitungen und verurteilen gierige Großkonzerne – um im nächsten Moment zu Dumpingpreisen einzukaufen. Wir echauffieren uns über Blöd Zeitung und Sensationsgier, nur um im nächsten Moment ausgiebig mit den Arbeitskollegen zu tratschen. Wir finden Machtmissbrauch ganz furchtbar – und trauen uns doch nicht vermeintlichen Autoritäten zu widersprechen. Irgendwie sind es meistens die Anderen, die sich falsch verhalten. Irgendwie gerät gerne mal in Vergessenheit, dass jeder Einzelne von uns in der Summe genau diese Gesellschaft bildet.

Die Menschen, über die ich deshalb bloggen möchte, sind Querdenker. Leute, die anerkannte Verhaltensweisen überdenken und keinen Knigge benötigen, um moralisch zu handeln. Personen, die unbequeme Wege gehen. Ich liebe Selbstdenker und Nein-Sager.

Die Lust am eigenen Denken erfordert den Mut, die Komfortzone zu verlassen

Nur ein Beispiel. Ich als Mutter komme immer wieder in die Situation, in der mir mein Gegenüber erklärt, man müsse seinen Kindern „etwas bieten können“. Etwas bieten können heißt in dem Fall etwas kaufen können. Zum Beispiel neue Klamotten, Spielsachen, Ballettunterricht, was auch immer. Vorher sollte man sich unter keinen Umständen fortpflanzen. Das wäre dann auch irgendwie asozial. Außerdem liefe man selbstverständlich Gefahr, dass die Sprösslinge später in der Schule gemobbt würden, wenn der Wohlstand fehlt. Ist ja auch logisch, welches Kind will schon Liebe und Aufmerksamkeit, wenn es ein iPhone und eine Ausbildung auf der Privatschule haben kann?

Aktuelle Medienberichte bestätigen diese Mentalität junger Paare. Erst Wohlstand, dann Kinder. Mal von der allseits bejammerten Geburtenrate abgesehen, finde ich es unendlich traurig, welche Werte wir so hartnäckig als „Gut“ verteidigen. Mein Mann und ich sind vor fünf Jahren zum ersten Mal Eltern geworden. Wir hatten ein verschwindend geringes Einkommen, mein Mann war auf Arbeitssuche. Man möge sich die allgemeine Empörung vorstellen! Das Unverständnis begegnete uns in Form von Mitleid, Respektlosigkeit und blankem Entsetzen.

Heute sieht die Sache zwar ganz anders aus und wir müssen uns diesbezüglich nicht länger rechtfertigen. Auch lebe ich meinen Kindern gerne die Bedeutung einer sinnvollen Tätigkeit vor. Aber ich bin unsagbar froh, dass wir damals diesen unkonventionellen Weg gegangen sind. Denn heute sind wir nicht nur stolze Eltern zweier Kinder, sondern auch noch um die Erfahrung reicher, was es bedeutet gegen den Strom zu schwimmen und auf sein Bauchgefühl zu hören.

Wer sich nicht der Norm anpasst, nimmt das Risiko der Ausgrenzung in Kauf

Es ist einfach in der Anonymität der Masse unterzutauchen. Das gibt Sicherheit, das ist bequem, bringt aber kaum Veränderung in Gang. Darum bin ich immer wieder hellauf begeistert, wenn ich auf Menschen treffe, die ihren eigenen Kopf haben. Kleine Idealisten, die bereit sind auf ihre Bequemlichkeit zu verzichten. Menschen, die sich mit ihrem Lebensstil zu Minderheiten zählen und deshalb auch mal anecken. Immer ein bisschen dem Gesetz des kategorischen Imperativs folgend.

Das kann der Umweltschützer sein, der allen mit seinen Fahrgemeinschaften auf den Keks geht. Das können regimekritische Personen sein, die sich lieber mit brotloser Kunst durchs Leben schlagen, als sich jeden Tag gut bezahlt an einen x-beliebigen Arbeitgeber zu verschreiben. Das kann die Kollegin sein, die sich gegen den Geschenkewahn an Heilig Abend ausspricht und sich damit auf der Weihnachtsfeier unbeliebt macht. Das kann aber auch der HartzIV Empfänger sein, der sich lieber der Schmach der Gesellschaft stellt, als ein Stellenangebot anzunehmen, bei dem Mensch und Tier ausgebeutet werden. Vereinsgründer, Hanfaktivisten, Minimalisten – der Fantasie sollen hier keine Grenzen gesetzt sein.

Genauso gut können das aber auch ganz kleine Alltagsdinge sein. Der Gast, der Aufrichtigkeit so wichtig finden, dass er sich in Restaurants unbeliebt macht. Der Konsument, der sich nicht schämt Second Hand Kleidung zu tragen, weil er mit dem gesparten Geld fair gehandelte Lebensmittel kauft.

All diese Menschen haben garantiert etwas gemeinsam: Sie brauchen Mut und sie gehen Wege des Widerstands. Einige werden belächelt oder gar angegriffen. Als faul, geizig, merkwürdig oder anstrengend betitelt. Aber sie nehmen das in Kauf. Weil sie zu ihren Werten stehen. Weil sie finden, dass praktische Vorbilder oft größere Wirkung haben, als ein verabschiedetes Gesetz. Weil sie sehen, dass es nicht reicht über die Welt und ihre Ungerechtigkeiten zu diskutieren. Und weil sie erkannt haben, dass uns als Individuen eines ganz sicher bleibt: die Möglichkeit zum richtungsweisenden Verhalten.

Genau diese Personen möchte ich in meinem Blog vorstellen. Denn ich finde Euch wunderbar. Ihr Gutmenschen und Weltverbesserer gebt mir das Gefühl, dass es noch Personen gibt, denen nicht alles egal ist, solange sie satt im warmen Stübchen sitzen.

Erzählt mir von alltäglichen Heldentaten und lasst mich darüber schreiben

In diesem Blog soll es nicht um Richtig und Falsch gehen. Das darf und will ich gar nicht beurteilen. Deshalb brauche ich Eure Mithilfe.

Wer ist in Euren Augen ein Alltagsheld? Welcher Normen werft Ihr zum Wohle der Gesellschaft über den Haufen? Wo eckt ihr an oder brecht Tabus? Ich bin sehr gespannt auf Eure Geschichten.

Ob anonym oder mit Foto soll zweitrangig sein. Wichtig ist nur Euer gelebtes Ideal und Eure Begegnungen im Alltag. Schickt mir einfach eine E-Mail (soziochaotin@outlook.de), kommentiert bei Facebook oder meinen Beitrag. Ich freue mich jetzt schon auf Euer Feedback!

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Gute Laune Experiment: Der Samariter-Effekt

Über ein Experiment, das Hoffnung macht

Kennst Du das Gefühl von Weltekel?

Du schaltest die Nachrichten ein, schaust ein paar Minuten und hast das Gefühl, dass die Welt den Bach runter geht. Korrupte Politiker, Katastrophen und Terror flimmern über deinen Bildschirm. Wenn Du nicht schon nach fünf Minuten weggezappt hast, sitzt Du am Ende vielleicht da und bemerkst, dass Du jetzt so richtig in Feierstimmung bist. In Trauerfeier Stimmung.

Seufzend stellst Du fest, dass Du Dich unwohl fühlst. Traurig, wütend, hilflos. Die Welt ist schlecht und ihre Menschen besonders. Ich frage mich in solchen Momenten oft, in welche Welt ich meine Kinder geboren habe. Möglicherweise klingelt in diesem Moment Dein Telefon. Irgendjemand möchte etwas von Dir, vielleicht einen Gefallen. Enthusiastisch bist Du in diesem Gemütszustand nicht. Vielleicht reagierst Du genervt.

An dieser Stelle die gute Nachricht: Das Ganze geht auch anders herum. 

Weil ich ein ziemlicher Kopfmensch bin, stütze ich mich gerne auf Studien. Allzu gerne hätte ich diese Gabe der Gelassenheit und des unerschütterlichen Vertrauens. Aber bis ich mich selbst so weise meditiert habe, wird’s wohl noch etwas dauern. Hier also eine Studie mit handfestem Ergebnis:

Der Samariter-Effekt

Denkt mal zurück, an die gute alte Zeit der Telefonzellen.

Vielleicht wisst ihr das selbst noch. Wenn man dort ein Gespräch führte oder nur daran vorbei ging, fasste man gerne mal in das Geldfach, um zu schauen, ob darin nicht eine Münze vergessen wurde.

Der Psychologe Dale Larson nutzte diese Angewohnheit der Menschen und ging in seinem Experiment folgendermaßen vor: Er hinterlegte für einige unwissende Passanten ein 10 Cent Stück in dem Fach. Für andere wiederum nicht.

Dann ließ er wie zufällig eine eingeweihte Studentin an der Telefonzelle vorbei laufen, die einen großen Stapel Bücher trug. Just in dem Moment, als die Versuchspersonen die Zelle verließen, sollte die Studentin ihre Bücher sichtbar fallen lassen.

Wie reagierten nun die glücklichen Finder der 10 Cent Münze im Vergleich zu den leer ausgegangenen Versuchspersonen? Die Beobachtungen sind gleichermaßen verblüffend wie erfreulich.

Die Menschen, die nun um 10 Cent „reicher“ waren, halfen der Studentin 4 Mal häufiger beim Aufheben ihrer Bücher.

Man stelle sich bitte mal das Verhältnis vor. Vier mal. Für 10 Cent.

Die Konsequenz der Studie finde ich ermutigend und sie macht mir richtig gute Laune. Widerfährt Menschen etwas Gutes, so steigt ihre Hilfsbereitschaft um das Vierfache. Und das bedeutet wiederum, dass Du andere mit Deiner eigenen Hilfsbereitschaft beeinflussen kannst, es Dir nachzutun. Was in der Folge heißt, dass das ewig so weitergetragen werden kann. Tue etwas Gutes und deine gute Tat wird vierfach Früchte tragen.

In meinem Alltag muss ich öfter mal an dieses Experiment denken und ich hoffe, Dir geht es bald genauso. Es macht Lust und vertreibt die Hilflosigkeit. Und besonders gefällt mir, dass man nicht zwingend einen ungesunden Helferkomplex entwickeln muss.

Vielleicht überlässt Du heute mal jemandem den Parkplatz oder kaufst einem quengelnden Kind an der Kasse einen Lolli. Vielleicht hältst Du nur jemandem die Türe auf oder machst ein aufrichtiges Kompliment. Und wenn Dir das nächste Mal ein Fremder hilft, musst Du vielleicht genauso schmunzeln wie ich, weil Du Deine steigende Hilfsbereitschaft deutlicher wahrnimmst.

Zum Schluss noch ein Gedanke

Ich bin heilfroh, dass wir Menschen in der Lage sind Betroffenheit und Mitgefühl zu empfinden. Es bringt uns zur Veränderung und kann ebenso zu Hilfsbereitschaft führen.

Deshalb sehe ich es zwar kritisch, einfach alles Elend auszublenden und nur positiv zu denken. Aber seien wir mal ehrlich: mit hängenden Schultern anzupacken ist ungefähr so leicht, wie mit betäubtem Zahnfleisch aus einer Flasche zu trinken.