Hervorgehobener Artikel

Rabenmütter und Gefängniszellen, die wir selbst schließen. Von innen.

Gleich vorab: Ich bin weder eine ungefickte Feministin, noch muss ich beim Sex immer oben liegen. Emanzipiert zu sein, heißt für mich auch nicht, über Kerle herzuziehen. Den Vater meiner Kinder finde ich beispielsweise großartig. Weil er mich als Mensch respektiert und weil er auf die für mich einzig logische Weise seinen Mann steht: indem er ein fairer Teamplayer ist.

Innerhalb eines halben Jahres bekam ich gleich zwei mal die selbe Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die empörend ist. Aber nicht aufgrund ihres Inhalts, sondern wegen ihrer Interpretation. Folgende Erzählung hörte ich einmal von einem Mann mittleren Alters und noch einmal von einer Frau um die 30:

„Jetzt stell‘ dir mal vor. Im Urlaub am Strand, da war diese Familie. Mutter, Vater und Kind. Während der Papa sich den ganzen Tag um den kleinen Sohn gekümmert hat, lag die Mami faul auf der Liege rum! Den ganzen Tag. Also echt, der arme Kerl.“

Ich stell‘ mir mal vor. Ich stelle mir einen Vater vor, der von früh bis spät arbeitet und scheiße nochmal glücklich ist, wenn er im Urlaub mal ausnahmsweise intensiv Zeit mit seinem Kind verbringen kann. Ich stelle mir eine Mutter vor, die sich den ganzen Tag um ihren Sohn kümmert und scheiße nochmal glücklich ist, wenn sie im Urlaub mal ausnahmsweise Zeit für sich hat. Ich stelle mir auch vor, dass die beiden vielleicht eine gleichberechtigte Vereinbarung getroffen haben. Heute ich – Morgen Du. Oder Morgens ich – Abends Du. Oder ich stelle mir eine berufstätige Mutter vor, die für das Einkommen sorgt.

Was ich mir nicht vorstelle, ist eine Frau, die ihre Familie nicht liebt, stinkfaul ist oder ihrem Mann zu Hause die Hölle heiß macht, so dass er nicht nur Röcke tragen, sondern sich auch noch um das Balg kümmern muss. Die meisten von uns gehen aber von dem aus, was sie als Normalität kennengelernt haben, nämlich arbeitende Väter und erziehende Mütter – und werten die „neuen Mütter“ ab.

Noch vor sechs Jahren – bevor ich schwanger wurde – hätte ich die Situation ähnlich konservativ interpretiert. Deshalb mache ich in diesen Momenten auch niemandem einen Vorwurf, sondern versuche diplomatisch nachzuhaken. Vielleicht hat das Kind seinen Papa vermisst? Ist es möglich, dass die Mutter diejenige ist, die die Brötchen verdient? Wäre euch die Situation auch negativ aufgefallen, wenn die Aufgabenverteilung umgekehrt gewesen wäre? Ich wünschte ich könnte meine Mitmenschen zu etwas mehr Toleranz verleiten. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, sie ein bisschen zum Nachdenken anzuregen, ohne zu wirken wie eine abgespackte, verbitterte Version von Alice Schwarzer. Es macht mich einfach nur traurig, dass Frauen sich nach wie vor in Situationen rechtfertigen müssen, die für Männer ganz selbstverständlich sind.

Und es frustriert mich. Denn wie in so vielen Fällen, zeigen solche Geschichten, dass wir unsere eigenen Gefängnisse immer wieder selbst reproduzieren und es gar nicht bemerken. Ganz im Gegenteil, wir halten uns für wahnsinnig fortschrittlich. Es ist ironisch:  Umfragen zufolge beteuern 97 % der Deutschen, dass sie Gleichberechtigung unbedingt voll toll finden. Ja, Gleichberechtigung ist total im Trend! Nur bedeutet das gleiche Recht für alle nicht automatisch, dass auch alle dieses Recht in Anspruch nehmen oder es anderen zugestehen. Denn nach wie vor sind Mütter hauptverantwortlich für Haushalt, Kinder und emotionale Angelegenheiten und somit auch der Arsch, wenn’s in diesen Bereichen hakt – egal ob sie arbeiten gehen oder nicht.  Das sieht man wunderbar an solchen Situationen.

Die kinderlosen Menschen unter Euch werden sich das vielleicht nur schwer vorstellen können. Aber es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Geburt eines Kindes auch die modernste Beziehung auf den Kopf stellt. Selbst wenn ein Paar sich jahrelang alle Pflichten fair und gleichberechtigt aufgeteilt hat, sorgt ein Kind dafür, dass Eltern sich plötzlich in den alten Rollenbildern wiederfinden. Und zwar schneller, als Angela Merkel „Vaeinbakeit“ sagen kann. Das liegt an ganz verschiedenen Faktoren, die wir alle selbst erschaffen und begünstigen.

In Deutschland werden Männer unheimlich zum gemeinsamen Familieneinkauf motiviert. Nicht.

Die eine Hälfte der Deutschen ist alt. Die andere Hälfte wurde von den Alten erzogen. Genauer gesagt von den Müttern unter ihnen. Das kennen wir, das war schon immer so. Dass Frauen mittlerweile auch Karriere machen wollen, heißt noch lange nicht, dass dies auch von der Gesellschaft unterstützt wird. Männer gehen seltener in Elternzeit, weil sie immernoch mehr verdienen. Arbeitgeber stellen lieber Männer ein, weil diese nicht in Elternzeit gehen. Frauen haben eher ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich um sich selbst kümmern (außer die am Strand, die ist cool). Dementsprechend treten Mütter zugunsten der Familie im Beruf kürzer, was dazu führt, dass Arbeitgeber sich in ihrer Sichtweise bestärkt fühlen und die Lebensläufe der Frauen Lücken bekommen, was sich wieder negativ auf die zukünftige Jobsituation auswirkt. Männer denken, dass sie den Versorger spielen müssen, weil ihre Eier sonst in der Glasvitrine der Frau ausgestellt werden. Die Betreuungssituation ist ein Witz. Die deutsche Mehrheit denkt, dass zu viel Fremdbetreuung (super Wort) Kindern schadet. Es gibt Schilder, da steht „Frauenparkplatz“ drauf. Schilder, die wenigstens „Elternparkplatz“ heißen, zeigen ein Männchen mit Rock. Männer, die Windeln wechseln, werden gefeiert wie Rockstars. Frauen die Windeln wechseln, wechseln Windeln. Menschen schmeißen ihre Wertevorstellungen zugunsten finanzieller Vorteile über den Haufen. Und so weiter und so weiter.

Hinzu kommt, dass viele Mütter die Lage noch begünstigen, indem sie ihren Männern die Möglichkeit nehmen, an neuen Aufgaben zu wachsen. In Fachkreisen nennt sich dieses Verhalten maternal gatekeeping, was bedeutet, dass einige Frauen darauf bestehen es einfach besser zu können und den Mann gar nicht erst in „ihr“ Revier lassen. Es mag sein, dass sich gewisse Klischees durch unsere Erziehung bestätigen. Frauen und Technik. Männer und Haushalt. Aber dem anderen Geschlecht grundsätzliche Kompetenzen abzusprechen finde ich nicht nur respektlos, es zeugt auch davon, dass wir nicht in der Lage sind, verschiedene Versionen von Richtig und Falsch zu akzeptieren.

Das „Sauber“ meines Mannes ist ein anderes „Sauber“ als meins. Unsere Definitonen von „wetterfest angezogen“ unterscheiden sich bei den Kindern ebenso. Wenn ich aber ständig hingehe und die Arbeit meines Gegenübers verbessere, kommuniziere ich erstmal, dass er alltagsuntauglich ist. In der Folge demotiviere ich meinen Partner. Und zuletzt reiße ich die Verantwortung wieder an mich, um mich danach zu beschweren, dass ich für alles die Verantwortung trage. Das wäre mir auch als Mann zu blöde. Wollt ihr wirklich als unfähige Trolle abgestempelt werden, die nur buckeln gehen können? Viel schöner ist es doch einen geeigneten Mittelweg zu finden. Und den dann auch nach außen hin zu vertreten. Das ist für mich Teamarbeit. Und die kann durch den Einfluss zweier verschiedener Perspektiven wahnsinnig wirksam und produktiv sein.

Versteht mich nicht falsch, ich habe kein grundsätzliches Problem mit traditioneller Rollenverteilung. Diese hat nicht zu unterschätzende Vorteile. Mein Mann und ich müssen jeden Tag so viele Dinge verhandeln und diskutieren, die im alten Model ganz selbstverständlich sind. Das ist manchmal sehr anstrengend. Außerdem bewundere ich Frauen, die sich den ganzen Tag ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmern, weil das verdammt viel Disziplin und Frustrationstoleranz erfordert. Mehr noch als die meisten Jobs.

Es nervt mich aber gewaltig, wenn übermüdete, meckernde Frauen es zulassen, dass sie ihren Job 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche erledigen, während ihre Männer nach 8-10 Stunden Arbeit nach Hause kommen und in ihrer Sitzmulde im Sofa versinken. Ist das etwa faire Arbeitsaufteilung? Ein Argument, das ich an dieser Stelle viel zu oft höre ist dieses, dass Familienarbeit ja auch Spaß machen kann. Und weiter, dass diese Arbeit ja unbezahlt ist. Die Gültigkeit dieser beiden Argumente wird selbstverständlich nicht hinterfragt und das bringt mich zum würgen. Denn ihre Botschaft ist so grausam wie irrsinnig: Arbeit darf keinen Spaß machen. Und wenn sie dazu noch unbezahlt ist, ist es auf keinen Fall richtige Arbeit und somit auch nicht anstrengend. So sieht’s aus! Deshalb haben Marathonläufer nach 42 freiwilligen, unbezahlten Kilometern auch auf gar keinen Fall Muskelkater.

Ihr großartigen, engagierten Frauen: BITTE lasst doch nicht zu, dass Eure eigene Leistung so geringschätzig behandelt wird. Oder glaubt ihr Eure Männer haben sich im Job Lachverbot erteilt? Und wenn ihr schon bei dem Spiel mitmacht, dann bitte erkennt auch den eigenen Anteil an Eurer Situation. Ihr könnt sie selbst verändern und wenn es bedeutet die abschätzigen Blicke auszuhalten, wenn ihr in der Sonne chillt. Nur indem wir zeigen, dass Gleichberechtigung normal ist, kann sie es auch werden.

Was ich mir also für die Zukunft wünsche: Parkplatzschilder, auf die Bärte geschmiert sind. Verwirrte Arbeitgeber, die desillusioniert Elternzeitanträge von Vätern unterschreiben. Mütter, die akzeptieren, dass väterliche Liebe sich nicht über den stündlichen Gebrauch von Feuchttüchern definiert.  Männer, die ihren Mädels einen Arschtritt vor die Türe geben, damit diese nach einer durchfeierten Nacht gut gelaunt ins Bett geschlüpft kommen. Menschen, die Andersartigkeit offen begegnen. Und vor allem eins: dass ich bei Grillfesten nicht mehr gefragt werde, ob ich nen verdammten Salat mache. Oder zumindest die Wahl zwischen Grünzeug und Bier habe.

 

Hervorgehobener Artikel

Helden des Alltags gesucht

Auf dem Bio-Blog von denn’s könnt Ihr mittlerweile schon ein paar Alltagshelden kennenlernen. So  zum Beispiel die Minimalistin Pia, Tierschützerin Rebecca, Veganerin Nastasja oder den Umweltschützer Laurin.

 

Alle Personen, die dort keinen Platz finden, werden zukünftig hier von mir vorgestellt. Worum es bei dem Projekt geht, könnt Ihr in diesem Einführungstext von mir nachlesen.

2014-08-05 11.47.07

Ich liebe Menschen, die sich trauen aus der Reihe zu tanzen. Wenn sie das Ganze dann noch zum Wohle der Gesellschaft tun, möchte ich ihnen ein Siegertreppchen basteln und ihnen vor Freude überschwänglich auf die Schulter klopfen.

Wir neigen ja schon ein bisschen dazu, uns automatisch „den Guten“ zuzuordnen. Die Umsetzung ist hier Definitionssache. Einer hält sich für einen vorbildlichen Menschen, wenn er regelmäßig seinen Rasen gemäht hat und damit die Nachbarschaft verschönert. Andere finden es wichtig, einwandfrei allgemeingebildet zu sein und eine ordentliche Berufsausbildung vorzuweisen. Ein Dritter gibt sich damit zufrieden, wenn er Online Petitionen unterschreibt oder sich gemeinschaftlich gegen die Rundfunkgebühren „erhebt“. Und der Vierte hat ein gutes Gewissen, wenn er pünktlich Steuern zahlt und alle paar Zeiten seine Stimme abgibt.

Gegen keines der aufgezählten Dinge habe ich etwas einzuwenden. Unsere Gesellschaft wäre nicht das was sie ist, wenn nicht jeder von uns seinen Beitrag leisten würde. All die aufgereihten Verhaltensweisen sind wertzuschätzen aber fallen eben doch nicht aus der Reihe. Sie sind gesellschaftlich anerkannt und meist erwünscht. Sie erfordern wenig Courage und sind häufig sehr bequem. Sie entsprechen dem Leitbild eines vorbildlichen Bürgers.

„Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, dann ist es Zeit sich zu besinnen.“ (Mark Twain)

Allzu oft habe ich aber das Gefühl, dass das, was wir unter einem ordentlichen Bürger verstehen, einen Hauch von Ignoranz und Bequemlichkeit hat. Hauptsache der Norm entsprechend. Ist es anerkannt, dann muss es auch gut sein. Und dann darf Herr Saubermann auch mit dem Finger auf andere zeigen.

Wir blättern in unseren Zeitungen und verurteilen gierige Großkonzerne – um im nächsten Moment zu Dumpingpreisen einzukaufen. Wir echauffieren uns über Blöd Zeitung und Sensationsgier, nur um im nächsten Moment ausgiebig mit den Arbeitskollegen zu tratschen. Wir finden Machtmissbrauch ganz furchtbar – und trauen uns doch nicht vermeintlichen Autoritäten zu widersprechen. Irgendwie sind es meistens die Anderen, die sich falsch verhalten. Irgendwie gerät gerne mal in Vergessenheit, dass jeder Einzelne von uns in der Summe genau diese Gesellschaft bildet.

Die Menschen, über die ich deshalb bloggen möchte, sind Querdenker. Leute, die anerkannte Verhaltensweisen überdenken und keinen Knigge benötigen, um moralisch zu handeln. Personen, die unbequeme Wege gehen. Ich liebe Selbstdenker und Nein-Sager.

Die Lust am eigenen Denken erfordert den Mut, die Komfortzone zu verlassen

Nur ein Beispiel. Ich als Mutter komme immer wieder in die Situation, in der mir mein Gegenüber erklärt, man müsse seinen Kindern „etwas bieten können“. Etwas bieten können heißt in dem Fall etwas kaufen können. Zum Beispiel neue Klamotten, Spielsachen, Ballettunterricht, was auch immer. Vorher sollte man sich unter keinen Umständen fortpflanzen. Das wäre dann auch irgendwie asozial. Außerdem liefe man selbstverständlich Gefahr, dass die Sprösslinge später in der Schule gemobbt würden, wenn der Wohlstand fehlt. Ist ja auch logisch, welches Kind will schon Liebe und Aufmerksamkeit, wenn es ein iPhone und eine Ausbildung auf der Privatschule haben kann?

Aktuelle Medienberichte bestätigen diese Mentalität junger Paare. Erst Wohlstand, dann Kinder. Mal von der allseits bejammerten Geburtenrate abgesehen, finde ich es unendlich traurig, welche Werte wir so hartnäckig als „Gut“ verteidigen. Mein Mann und ich sind vor fünf Jahren zum ersten Mal Eltern geworden. Wir hatten ein verschwindend geringes Einkommen, mein Mann war auf Arbeitssuche. Man möge sich die allgemeine Empörung vorstellen! Das Unverständnis begegnete uns in Form von Mitleid, Respektlosigkeit und blankem Entsetzen.

Heute sieht die Sache zwar ganz anders aus und wir müssen uns diesbezüglich nicht länger rechtfertigen. Auch lebe ich meinen Kindern gerne die Bedeutung einer sinnvollen Tätigkeit vor. Aber ich bin unsagbar froh, dass wir damals diesen unkonventionellen Weg gegangen sind. Denn heute sind wir nicht nur stolze Eltern zweier Kinder, sondern auch noch um die Erfahrung reicher, was es bedeutet gegen den Strom zu schwimmen und auf sein Bauchgefühl zu hören.

Wer sich nicht der Norm anpasst, nimmt das Risiko der Ausgrenzung in Kauf

Es ist einfach in der Anonymität der Masse unterzutauchen. Das gibt Sicherheit, das ist bequem, bringt aber kaum Veränderung in Gang. Darum bin ich immer wieder hellauf begeistert, wenn ich auf Menschen treffe, die ihren eigenen Kopf haben. Kleine Idealisten, die bereit sind auf ihre Bequemlichkeit zu verzichten. Menschen, die sich mit ihrem Lebensstil zu Minderheiten zählen und deshalb auch mal anecken. Immer ein bisschen dem Gesetz des kategorischen Imperativs folgend.

Das kann der Umweltschützer sein, der allen mit seinen Fahrgemeinschaften auf den Keks geht. Das können regimekritische Personen sein, die sich lieber mit brotloser Kunst durchs Leben schlagen, als sich jeden Tag gut bezahlt an einen x-beliebigen Arbeitgeber zu verschreiben. Das kann die Kollegin sein, die sich gegen den Geschenkewahn an Heilig Abend ausspricht und sich damit auf der Weihnachtsfeier unbeliebt macht. Das kann aber auch der HartzIV Empfänger sein, der sich lieber der Schmach der Gesellschaft stellt, als ein Stellenangebot anzunehmen, bei dem Mensch und Tier ausgebeutet werden. Vereinsgründer, Hanfaktivisten, Minimalisten – der Fantasie sollen hier keine Grenzen gesetzt sein.

Genauso gut können das aber auch ganz kleine Alltagsdinge sein. Der Gast, der Aufrichtigkeit so wichtig finden, dass er sich in Restaurants unbeliebt macht. Der Konsument, der sich nicht schämt Second Hand Kleidung zu tragen, weil er mit dem gesparten Geld fair gehandelte Lebensmittel kauft.

All diese Menschen haben garantiert etwas gemeinsam: Sie brauchen Mut und sie gehen Wege des Widerstands. Einige werden belächelt oder gar angegriffen. Als faul, geizig, merkwürdig oder anstrengend betitelt. Aber sie nehmen das in Kauf. Weil sie zu ihren Werten stehen. Weil sie finden, dass praktische Vorbilder oft größere Wirkung haben, als ein verabschiedetes Gesetz. Weil sie sehen, dass es nicht reicht über die Welt und ihre Ungerechtigkeiten zu diskutieren. Und weil sie erkannt haben, dass uns als Individuen eines ganz sicher bleibt: die Möglichkeit zum richtungsweisenden Verhalten.

Genau diese Personen möchte ich in meinem Blog vorstellen. Denn ich finde Euch wunderbar. Ihr Gutmenschen und Weltverbesserer gebt mir das Gefühl, dass es noch Personen gibt, denen nicht alles egal ist, solange sie satt im warmen Stübchen sitzen.

Erzählt mir von alltäglichen Heldentaten und lasst mich darüber schreiben

In diesem Blog soll es nicht um Richtig und Falsch gehen. Das darf und will ich gar nicht beurteilen. Deshalb brauche ich Eure Mithilfe.

Wer ist in Euren Augen ein Alltagsheld? Welcher Normen werft Ihr zum Wohle der Gesellschaft über den Haufen? Wo eckt ihr an oder brecht Tabus? Ich bin sehr gespannt auf Eure Geschichten.

Ob anonym oder mit Foto soll zweitrangig sein. Wichtig ist nur Euer gelebtes Ideal und Eure Begegnungen im Alltag. Schickt mir einfach eine E-Mail (soziochaotin@outlook.de), kommentiert bei Facebook oder meinen Beitrag. Ich freue mich jetzt schon auf Euer Feedback!

2014-08-05 10.57.14

Gute Laune Experiment: Der Samariter-Effekt

Kennst Du das Gefühl von Weltekel?

Du schaltest die Nachrichten ein, schaust ein paar Minuten und hast das Gefühl, dass die Welt den Bach runter geht. Korrupte Politiker, Katastrophen und Terror flimmern über deinen Bildschirm. Wenn Du nicht schon nach fünf Minuten weggezappt hast, sitzt Du am Ende vielleicht da und bemerkst, dass Du jetzt so richtig in Partystimmung bist. Und mit Party meine ich Beerdigung.

Seufzend stellst Du fest, dass Du Dich unwohl fühlst. Traurig, wütend, hilflos. Die Welt ist schlecht und ihre Menschen besonders. Ich frage mich in solchen Momenten oft in welche Welt ich meine Kinder geboren habe. Möglicherweise klingelt in diesem Moment Dein Telefon. Irgendjemand möchte etwas von Dir, vielleicht einen Gefallen. Enthusiastisch bist Du in diesem Gemütszustand nicht. Vielleicht reagierst Du genervt.

An dieser Stelle jetzt aber mal die gute Nachricht: Das Ganze geht ja auch anders rum. 

Weil ich ein ziemlicher Kopfmensch bin, stütze ich mich gerne auf Studien. Allzu gerne hätte ich diese Gabe der Gelassenheit und des unerschütterlichen Glaubens an die Welt. Aber bis ich mich selbst so weise meditiert habe, wird’s wohl noch etwas dauern. Hier also eine Studie mit handfestemErgebnis:

Der Samariter-Effekt

Kennt ihr noch die klobigen, gelben Kästen auf der Straße – genannt Telefonzellen – mit denen man durch den Einwurf von Münzen ein Telefongespräch führen konnte? Ein bisschen vermisse ich sie.

Vielleicht wisst ihr das selbst noch. Wenn man dort ein Gespräch geführt hatte oder nur daran vorbei ging, fasste man gerne mal in das untere Geldfach, um zu schauen, ob darin nicht eine Münze vergessen wurde.

Der Psychologe Dale Larson nutzte diese Angewohnheit und ging in seinem Experiment folgendermaßen vor: Er hinterlegte bei einigen unwissenden Versuchspersonen ein 10 Cent Stück in dem Fach, bei anderen wiederum nicht.

Dann ließ er wie zufällig eine eingeweihte Studentin an der Telefonzelle vorbei laufen, die einen großen Stapel Bücher trug. Just in dem Moment, als die Versuchspersonen die Zelle verließen, sollte die Studentin ihre Bücher sichtbar fallen lassen.

Wie reagierten nun die glücklichen Finder der 10 Cent Münze im Vergleich zu den leer ausgegangenen Versuchspersonen? Die Beobachtungen sind gleichermaßen verblüffend wie erfreulich.

Die Menschen, die nun um 10 Cent „reicher“ waren, halfen der Studentin 4 Mal häufiger beim Aufheben ihrer Bücher.

Man stelle sich bitte mal das Verhältnis vor. Vier mal. Für 10 Cent.

Die Konsequenz der Studie finde ich ermutigend und sie macht mir richtig gute Laune. Wird Menschen etwas Gutes getan, so steigt ihre Hilfsbereitschaft um das Vierfache. Und das bedeutet wiederum, dass Du andere mit Deiner eigenen Hilfsbereitschaft beeinflussen kannst, es Dir nachzutun. Was in der Folge heißt, dass das ewig so weitergetragen werden kann.

In meinem Alltag muss ich öfter mal an dieses Experiment denken und ich hoffe, Dir geht es bald genauso. Es macht Lust und vertreibt die Hilflosigkeit. Und besonders gefällt mir, dass man nicht zwingend einen ungesunden Helferkomplex entwickeln muss.

Vielleicht überlässt Du heute mal jemandem den Parkplatz oder kaufst einem quengelnden Kind an der Kasse einen Lolli. Vielleicht hältst Du nur jemandem die Türe auf oder machst ein aufrichtiges Kompliment. Und wenn Dir das nächste Mal ein Fremder hilft, musst Du vielleicht genauso schmunzeln wie ich, weil Du Deine steigende Hilfsbereitschaft deutlicher wahrnimmst.

Zum Schluss noch ein Gedanke

Ich bin heilfroh, dass wir Menschen in der Lage sind Betroffenheit und Mitgefühl zu empfinden. Es bringt uns zur Veränderung und kann ebenso zu Hilfsbereitschaft führen.

Deshalb sehe ich es schon kritisch alles Elend auszublenden und nur positiv zu denken. Aber seien wir mal ehrlich: mit hängenden Schultern anzupacken ist ungefähr so leicht, wie mit betäubtem Zahnfleisch zu trinken.