Tage, an denen ich mir einen Penis wünsche

Im Arsch auf der Autobahn

Da sitze ich also. Hinter der Leitplanke, auf der Wiese, am Rand der Autobahn. Die Fahrzeuge sausen beängstigend schnell an mir vorbei und ich friere erbärmlich. Unter meinem kurzen Kleid trage ich nämlich nur eine dünne, schwarze Strumpfhose, darüber einen Mantel. Es ist kalt und ich wünschte, ich hätte mich wärmer angezogen. Aber wer konnte schon ahnen, dass mein alter BMW heute mitten auf der Autobahn den Geist aufgeben würde. Die Tränen brennen in meinen Augen, denn bei der Hotline des ADAC sagte man mir, dass das Abschleppen für Nichtmitglieder 200 Euro kosten würde. In diesem Moment kommt der ADAC Mitarbeiter angebraust und begrüßt mich, so wie ich da sitze, mit den Worten „Hi Schneckchen“.

Getrennte Frau mit Kindern ist nicht familie

Ich bin nämlich eine Frau, wisst ihr. Eine getrennte Frau besser gesagt, die seit nicht allzu langer Zeit mit ihren zwei Kindern alleine wohnt und versucht, endlich ihr Studium abzuschließen. Eine Frau, die mit ihren Kindern gerade erst aus dem Mietverhälnis eines kleinen Häuschens mit großem Garten entlassen wurde. Wegen Eigenbedarfs der Vermieter. Kurz nachdem ihr Mann ausgezogen ist.

Zufall? Fakt ist: Der bereits angekündigte Eigenbedarf wurde bei Einzug, eineinhalb Jahre zuvor, auf in ca. 10 Jahren geschätzt. Doch da waren die Parameter auch noch anders. Heute sind wir nicht mehr „Familie mit Kindern“ sondern „Getrennte Frau mit Kindern“. Und das ist hier, auf dem Dorf, etwas deutlich anderes. Hier auf dem Dorf, wo über meine frühere Ehe behauptet wurde: „Der arme Mann. Wenn der von der Arbeit nach Hause kommt, geht erst mal der Staubsauger an.“ Hier auf dem Dorf, wo man munkelt, der Mercedes meines neuen Lebensgefährten wäre ein Beziehungsargument für mich.

Pleite aber Flexibel

Ich hocke also da und überschlage panisch meine Ausgaben. Und komme immer wieder zum gleichen Ergebnis: Ich studiere, ich bin zweifache Mutter, ich habe einen Umzug zu bezahlen und mir werden gleich 200 Euro abgeknöpft, die ich ohnehin nicht habe. Mein Auto ist vielleicht komplett hinüber, doch ich brauche es, um zu meinem Studienort zu kommen, um bitte bald wieder das Geld verdienen zu können, das ich nicht habe. Mit einem Job, den ich vielleicht gar nicht kriegen werde, weil das Betreuungsangebot für meine Kinder nur von 8 – 16 Uhr geht. Ach, die Kinder. Wer soll sie denn dann heute abholen? In diesem Moment befinde ich mich am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil mir die Spirale bewusst wird, in die ich mich manövriert habe.

Ihr fragt euch jetzt vielleicht: Wieso studiert diese Frau, wenn sie doch so dringend Geld benötigt? Die Antwort lautet, ich bekomme den Höchstsatz BaföG und bin trotzdem als Mutter flexibel. Das BaföG besteht zwar zu einem Teil aus Schulden, jedoch ist der Betrag, den ich monatlich erhalte, vergleichsweise so viel Geld, wie ich mit meinem erlernten Beruf verdienen würde. Ich bin gelernte Bürokauffrau und in meiner Region ist ein Nettogehalt von 1.000 Euro bei einer Vollzeittätigkeit nicht unüblich. Schon gar nicht bei meiner Steuerklasse. Ich war nämlich so intelligent zu heiraten. Und welche Steuerklasse habe ich gewählt? Na klar, die schlechtere, denn ich bin ja eine Frau. Und Familienfürsorge, so lange die Kinder noch klein sind, war meine selbsterwählte Priorität.

Die (wenigstens halbwegs intelligente) Rechnung war zu Beginn meines Studiums die: Ich kümmere mich als Mutter hauptverantwortlich um Familienangelegenheiten, doch tue wenigstens zeitgleich etwas für meine eigene Karriere. Denn wenn ich nicht zu Veranstaltungen der Uni erscheine, weil Arzttermine, Kinder krank oder Ferien, interessiert das keine Sau. Anders als bei den üblichen Arbeitsmodellen habe ich so fast durchgehend von zu Hause aus studiert und war somit in der Lage zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie am Wochenende zu arbeiten. Je nachdem, wie die Situation mit den Kindern und Prüfungen es gerade erforderte. Und weiter: Ich durfte wegen der Kinder langsamer studieren, als üblich. Und so kommt es, dass ich eigentlich längst mit dem Studium fertig wäre und arbeiten könnte. Hätte ich den Fokus auf das Studium gelegt. Doch das habe ich nicht. Weil ich eine Frau bin.

Der gelegentliche Wunsch, als Mann geboren zu sein

Ich bin ja zum Glück auch eine Frau, die Unterstützung angeboten bekommt. So waren es zum Beispiel mein Vater und auch mein neuer Lebensgefährte, die mir an diesem grässlichen Pannentag sagten „Wir schaffen das schon.“ Doch – bei aller Dankbarkeit – versteht ihr, dass ich kotzen könnte, weil diese zwei Personen Männer sind? In mir sträubt sich einfach alles, wenn ich diese gut gemeinte Hilfe angeboten bekomme, weil es aus genannten Gründen mein tiefster Wunsch ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Keinen Mann zu brauchen. In diesem Moment auf der Autobahn besitze ich keinen Funken Stolz mehr und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als einen Penis. Einen eigenen.

Da steht also dieser ADAC Typ vor mir, der seinen Beruf des Abschleppers zu wörtlich nimmt und sagt tatsächlich „Hi Schneckchen“ zu mir. Der Typ, auf den ich gerade angewiesen bin. Und mir, die normalerweise eine riesengroße Klappe hat, fällt nichts dazu ein, außer meine Augenbrauen hochzuziehen. Weil die Alternative losheulen wäre.

Da steige ich dann also in seinen Wagen ein und er sitzt am Steuer und philosophiert mit dem Radiomoderator über Heizdecken und dass er keine bräuchte, weil er nie frieren würde, weil er ohnehin immer nackt schlafen würde und ich sitze daneben, ignoriere schweigend die billigsten Anmachversuche und meine Gedanken drehen sich nur noch im Kreis. Und das schlimmste ist, es sind Gedanken dabei, wie „Sollte ich einfach ein bisschen nett mit ihm flirten, vielleicht muss ich dann weniger bezahlen?“ oder „Warum muss ich mich auch so aufreizend anziehen?“. Allein, dass solche Gedanken in meinen Kopf schießen können, zeigt, wie selbstverständlich diese alltägliche Sexismusscheiße ist.

Endlich bei der Werkstatt angekommen, bleibe ich im Auto sitzen und warte auf meinen Lebensgefährten. Ich gehe gar nicht erst alleine rein, weil ich weiß, dass mich die Mitarbeiter dort sehen und nicht ernst nehmen werden. Weil ich eine Frau im Kleid bin, die keine Ahnung von Autos hat. In diesem Moment beschließe ich, ein verdammter Profi auf diesem Gebiet zu werden.

 

Und die Moral von der Geschicht?

1. Da die Mitarbeiter der Werkstatt bis zum nächsten Tag keine Zeit hatten, haben mein Lebensgefährte und ich das Auto selbst repariert. Ja, ich bin vor Stolz fast geplatzt. Ich weiß jetzt, was ein Verteilerfinger ist, dass er den Zündfunken der Reihe nach auf die einzelnen Zündkabel verteilt und ich weiß, dass er im völlig zerbröselten Zustand dafür sorgt, dass ein Auto nicht mal mehr zuckt. Und ich weiß, dass es überhaupt kein Stress ist, dieses Teil selbst auszutauschen. Und wisst ihr, was ich noch weiß? Dass ich keine Aufgabe des Lebens mehr als Männersache für mich unbeachtet lassen werde.

2. Es wird mir nicht mehr passieren, dass ich in solchen Situationen den Mund nicht aufbekomme. Ganz egal, ob man mich in diesem Moment für eine verbitterte Bissgurke hält, die „ein Kompliment falsch versteht“. Ich bekomme gerne Komplimente. Aber das, lieber ADAC Idiot, war ein einfaches Ausnutzen meiner hilflosen Situation. In freier Wildbahn hätte ein Typ wie du sich nämlich vor mir in die Hose gemacht. Du arme Wurst. Deshalb hier mein total schlagfertiges: Hast du eigentlich den Arsch offen???!

3. Am hässlichsten finde ich ja, wenn sich Frauen gegenseitig sexistisch diskriminieren und es nicht mal bemerken. So grüße ich hier ein paar Mädels, denen ich von Herzen wünsche, dass ihr Mann ihnen heute Abend ein Bier auf`s Sofa bringt. Und auch der Twitter Nutzerin, die kürzlich zwitscherte, sie käme

„…nicht umhing zu fragen, vögelst du noch oder bist du schon Feministin?“.

möchte ich sagen: ich bin nicht nur eine Feministin, die leidenschaftlich gerne fickt, ich blase sogar gerne. Freiwillig. Und schon während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich, dass zwischen dem Bild einer „frigiden Männerhasserin“ und einer „freizügigen Schlampe“ manchmal nur zwei Wörtchen liegen können. Findest du das nicht auch schade?

4. An die Menschen, die mir als Frau niedere Beweggründe beim Eingehen einer Beziehung unterstellen wollen: Mich interessiert nur, dass mein neuer Mann einen Staubsauger bedienen kann. Wisst ihr doch. Es mag mir finanziell schlecht gehen, aber emotional bin ich entspannt wie nie zuvor, weil mein Lebensgefährte anpackt, wo es nur geht und dabei nicht zwischen Männer- und Frauenarbeit unterscheidet. Sowas wünsche ich euch allen von Herzen!

 

Ihr lieben Leser. Sexismus hat mit Sex nur so viel zu tun, wie ein Abschleppdienst mit dem Klarmachen von Frauen. In der #MeToo und #Sexismus Debatte geht es einzig und allein um die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts. Oder, um es in den Worten des tollen Soziologen Pierre Bourdieu zu sagen:

Symbolische Macht ist Macht, die wirkt, weil die Beteiligten nicht erkennen (wollen), dass eine Machtbeziehung vorliegt und demnach auch die Willkür dieser Macht tolerieren.

Deshalb: „Speaking your own truth is the most powerful tool“ (Oprah Winfrey, 2018)

 

Wie kann ich verhindern, dass wir uns an die AfD gewöhnen?

Seit gestern erinnere ich mich an eine Theorie der Wissenssoziologie, die sich damit befasst, wie unsere Wirklichkeit eigentlich entsteht. Wie entwickelt sich das, was wir als wahr und gut annehmen und verteidigen?

Nehmen wir als Beispiel die Farbe Grün. Dass diese Farbe so heißt, war nicht schon immer so. Der Name der Farbe ist menschengemacht. Wir vergessen das, aber, dass Gras grün ist, war nicht einfach von Beginn an Wirklichkeit. Es wurde in einem langen Prozess aus Lauten und Gesten im gemeinsamen Konsens beschlossen, damit jeder weiß, was grün ist. Der Einfachheit halber.

Oder nehmen wir die Farbe Rosa, über die irgendwann einmal beschlossen wurde, dass sie eine Mädchenfarbe sei. Unsere Wahrheit über Rosa entstand aus wiederholten Handlungen, wiederholtem Anziehen von rosa Kleidchen, so dass es irgendwann zur Selbstverständlichkeit für Mädchen wurde, sich mit der Farbe zu identifizieren. Wir vergessen das, aber auch diese Wirklichkeit wurde in einem gesellschaftlichen Prozess konstruiert. Das wissen wir alle. Und wir alle wissen auch, dass diese Norm keinerlei rationale Grundlage hat. Und trotzdem fühlt es sich seltsam an, den eigenen Sohn in rosa Shirt in den Kindergarten zu schicken. Weil es die Mehrheit eben nicht macht. Der Einfachheit halber.

Und jetzt nehmen wir die Farbe braun. Diese Farbe stand einst für eine Gruppierung von Menschen, die Angst, Schrecken und Tod verbreitete. Diese Gruppierung war auch nicht einfach da. Sie entstand und wuchs. Und auch das passierte im gemeinschaftlichen Konsens. Der musste nicht mal einstimmig, mehrheitlich sein. Mit Gemeinschaft meine ich die, die das Ganze aktiv unterstützten und ich meine auch diejenigen, die nichts dagegen unternahmen und es ignorierten. Sie befanden sich in einer ähnlichen Situation wie diejenigen, die heute ihrem Sohn verbieten, rosa Kleidung zu tragen, obwohl er es gern möchte. Diese Leute haben sich nicht getraut, wiederholt ihren eigenen Verstand zu verteidigen. Der Einfachheit halber. Sie haben unendlich viele Menschenleben auf dem Gewissen. Und auch das scheinen wir gerade zu vergessen.

Denn wenn ich mich heute durch Facebook scrolle, fehlt mir das allgemeine Entsetzen. Ich spüre kein kollektives Handlungsbedürfnis. Da sind natürlich die üblichen Personen, von denen ich auch erwartet habe, dass sie etwas Kritisches zum Wahlergebnis posten, aber sonst? Nichts. Katzenvideos, Sprüche zum Nachdenken (ich sag mal nix) und Urlaubsfotos. Wow.

Das beunruhigt mich. Denn das ist kein verdammter Film, der da im Fernsehen läuft. Das war vor zwei Tagen keine abwechslungsreiche, gute Unterhaltung, als Alternative zum sonst so öden Sonntagsprogramm. Eine rechtsextreme Partei hat Sonntag beinahe 13 verfluchte Prozent der Wählerstimmen erhalten und gerade ihre Jagd angekündigt. Und zwar wörtlich.

Als meine Tochter diese tanzenden Kackhaufen malte, wusste sie noch nicht, dass sie die AfD auf ihrer Wahlparty darstellen würden.

Noch vor wenigen Jahren war das unvorstellbar. Da war ich mir sicher, dass die Menschheit niemals so unreflektiert wäre, noch ein einziges Mal eine Partei mit derartig menschenverachtendem Gedankengut durchzulassen. Doch jetzt gerade habe ich Angst, dass wieder einer dieser Legitimationsprozesse im Gange ist und wahr geglaubtes schleichend umdefiniert wird. Mir graut davor, dass man sich an die AfD gewöhnt. Als hätte eine Desensibilisierung für ihre aggressiven Statements stattgefunden. Als hätte man halt keinen Bock mehr, rumzustreiten und sich in großen Teilen arrangiert. Der Einfachheit halber.

Und jetzt sitzen diese Leute im Parlament. Und haben sogar noch etwas zu melden. Was kommt als Nächstes? Erleben wir gerade modernisierte Vergangenheit?

Male ich den Teufel an die Wand? Ja schon. Denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und je mehr sich Gaulands und Petrys in unserer Mitte einnisten können, desto mehr werden wir uns (wenn auch zähneknirschend) an sie und ihre bösartigen Statements gewöhnen. Wie an den ungeliebten, senilen Onkel mit Alkoholfahne, dem man auf Familienfeiern durchgehen lässt, dass er mit seinen schmierigen Fingern ständig nach den Frauen grapscht. Ob es Zufall ist, dass Herr Supergau optisch gesehen genau jener Onkel sein könnte?

Wir haben Ähnlichkeiten mit diesen peinlich berührten Familienmitgliedern, die akzeptieren, dass ihre Grenzen verletzt werden, weil sie keinen Bock auf Diskussionen haben. Wir sind lieber höflich und unauffällig und sparen uns den Stress. Und ich verstehe das. Wir haben genug Ärger den ganzen Tag. Wer will sich nach einem stressigen Arbeitstag schon auch noch streiten müssen? Keine Sau. Und das sollt ihr ja auch gar nicht. Ich will überhaupt keine aufgeladenen Stammtischdebatten hören und lesen, bei denen wütende Linke und wütende Rechte mit niveaulosen Beleidigungen um sich werfen. Aber was ich noch viel weniger will, ist ein Totschweigen und Ignorieren und stilles Hoffen, dass schon alles gut gehen wird. Die AfD wird sich nicht ignorieren lassen, da bin ich mir sicher.

Mir ist darum die Diskussion darüber wichtig, wie sich der Umgang mit diesen Leuten stattdessen gestalten sollte. Die halbherzige Reaktion im Netz, die ich beklagt habe, interpretiere ich nämlich auch als Zeichen der Unsicherheit.

Deshalb hier meine Fragen: Wie verteidigt man seine Werte, die Frieden und Freiheit beinhalten, ohne selbst Gewalt anzuwenden? Und bringt das dann überhaupt was? Wie reagiere ich auf die, die Macht missbrauchen wollen, ohne selbst meine Position auszunutzen? Wie biete ich Hetzern möglichst wenig Bühne einerseits und verhindere eine Gewöhnung andererseits?

Das ist die Diskussion, die ich mir gerade wünsche. Denn ich will nicht, dass die Menschen die AfD akzeptieren. Und ich bestehe darauf, dass es deutlich uncool und ein Tabu bleibt, fremdenfeindliche Aussagen zu treffen und pauschal zu verurteilen. Ich wünsche mir, dass unreflektiertes, feindseliges Gebrabbel sofort sanktioniert wird. Als Statement. Ich wünsche mir aber auch, dass die Grundstimmung nicht vergiftet wird, so dass wir am Ende selbst hasserfüllte, unreflektierte Personen sind.

Deshalb freue ich mich auf Kommentare und eine fruchtbare Diskussion. Es interessiert mich brennend, welchen Umgang ihr für euch gefunden habt. Ignoriert ihr Pro AfD Postings? Wie reagiert ihr auf die Nachbarin / den Frisör / den Mann im Wartezimmer, der rassistische Bemerkungen von sich gibt? Was ist mit euren Verwandten? Riskiert ihr die Stimmung? Fragt ihr nach? 87 % der Wähler wollten die AfD ja offensichtlich nicht in der Regierung haben – wie gehen diese nun mit der Situation um?

 

Ich bin gespannt auf Eure Mails, Kommentare und Beiträge. Und auch ich werde mich die nächste Zeit mit dem Thema beschäftigen und nochmal einen separaten Beitrag dazu posten.

 

 

Nicht geschimpft ist gelobt genug, Mutter.

Kinder. Wunderbar oder? Sie kichern, sie duften und sie machen unsere ernste Welt zu einem liebevolleren Ort. Sie haben kleine Händchen und Füßchen und sie umarmen und sie küssen dich, so dass die Sonne aufgeht. Da gibt es solche Abende, da liegen meine Kleinen im Bett und schlafen so friedlich, wie nur Kinder schlafen können. Und dann zieht der Tag an mir vorüber und ich weiß, was ich geschafft habe. Ich sehe die beiden, wie sie mit Freunden spielen, höfliche Smalltalks mit Omis führen, Bilder für ihre Liebsten malen und mir bei der Gartenarbeit helfen.

Ich erinnere mich, wie ihnen mein Essen geschmeckt hat, so dass ihre Gesichter voller Soße waren und dann bin ich stolz auf mich, weil das Abendessen auch noch gesund war und weil wir gemeinsam gekocht haben und sich dabei kaum jemand in den Finger geschnitten hat. Dann klopfe ich mir selbst auf die Schulter, weil wir auch vorbildlich gemeinsam aufgeräumt haben, obwohl es alleine viel schneller gegangen wäre und weil ich am Morgen mit liebevoller Geduld auf die Trotzanfälle meines Sohnes eingehen konnte, während mich eigentlich gerade selbst total angepisst hat, dass seine blöden Lieblingsschuhe nicht auffindbar waren, obwohl wir dringend los mussten. Dann freue ich mich darüber, Prioritäten setzen zu können und statt dem Kapitel für die Uni noch ein bisschen Gute Nacht Geschichten vorgelesen zu haben. An solchen Tagen bin ich wahnsinnig stolz, weil es mir im Alltagsstress gelingt, mich darauf zu konzentrieren, was mir wichtig ist. Nämlich meine Kinder zu wertvollen und glücklichen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu erziehen.

Der Neid auf die anderen

Manchmal aber, bin ich unglaublich neidisch. Neidisch auf kinderlose Menschen. Neidisch auf Männer. Neidisch auf all meine Kommilitonen und Kommilitoninnen, die morgens vor der Uni in Ruhe duschen können, ohne dass dreimal einer an die Tür klopft, weil die Rosinen in dem doofen Müsli wie doofe Käfer aussehen. Und das verbittert mich, obwohl ich verbittert sein scheiße finde.

Dann denke ich mir: Wertvolle Mitglieder dieser Gesellschaft erziehen? Fuck off. Die Gesellschaft, die nur funktionieren kann, wenn sie von fairen, engagierten und mitfühlenden Menschen weitergeführt wird, interessiert einen Scheiß, dass ich jeden Tag mit Blut und Schweiß versuche, diese fairen, engagierten und mitfühlenden Menschen zu reproduzieren und dabei meine persönlichen Ziele zurück stelle.

Ja, es ist ein verdammtes Projekt, Werte zu leben und weiterzugeben. Aber jaaaaaaa, es ist natürlich kein vergleichbares Projekt, wie zum Beispiel erfolgreiche Kundenakquisition mit steigenden Verkaufszahlen und nachhaltiger Käuferbindung! Das sagt mir auch mein Kontostand. Das sagen mir meine Noten. Das sagt mir das verdammt vorwurfsvolle, regelmäßige Schreiben der Rentenversicherung. Manchmal habe ich das Gefühl, das sagt mir die ganze Welt. Fuck off.

der tägliche kampf gegen die verbitterung

Ihr merkt schon. Verbitterung. Nicht immer, aber oft mit einer Wucht, dass ich mich kaum zügeln kann. Heute, zum Beispiel, musste ich mich beherrschen, meinen Prof. in seinem maßgeschneiderten Anzug nicht über den Tisch zu ziehen, um ihn mit seiner spießigen Krawatte zu würgen. Nur, weil er einfach Karriere machen konnte und jetzt über soziale Ungleichheiten referieren und forschen darf, während ich soziale Ungleichheiten täglich spüre und eigentlich viel besser weiß, was das bedeutet. Dabei weiß ich nicht mal, ob er überhaupt einfach Karriere machen konnte oder nicht doch tatsächlich alleinerziehender Vater mit unglaublich vielen Steinen im Weg ist. Oder sonst irgendwelche Schicksalsschläge erlitten hat. Doch der Neid sagt mir, dass das definitiv nicht der Fall ist. Und die Zahlen, die ich ironischerweise auch noch während meines Studiums lerne, sagen mir, dass der Typ sich eben noch nie `nen Harten machen musste, was Familienfürsorge betrifft und sich beim Wort Fürsorge auch nicht angesprochen fühlt. Einfach nur, weil er mit einem Penis geboren wurde.

Ich dachte immer, dass mich das gelegentlich so tierisch nervt, liegt an der begrenzten Zeit, die mir für meine eigenen Bedürfnisse zur Verfügung steht. Aber inzwischen zweifle ich daran. Es entspricht nämlich unter anderem meinen eigenen Bedürfnissen, dass meine Kinder Geborgenheit erfahren und ihre Kindheit genießen können. Ich will das so, ich will eine hingebungsvolle Frau und Mutter sein. Und die Zeit für mich, die nehme ich mir schon. Wenn auch mit mehr Gegenwind, als ein Vater, der mit seinen Kumpels einen heben geht.

Nein, ich glaube, der Frust kommt von der mangelnden Wertschätzung, die wir für unsere Jobs bekommen. Bei uns gilt: Nicht geschimpft ist gelobt genug. Denn mit Kritik wird ja großzügig umgegangen. Kind zu still, Kind zu laut, Kind zu dick oder Kind dreckig? Kind zu unruhig oder Kind zu egoistisch, Kind zu vorlaut oder Kind so seltsam in sich gekehrt? Ey Muddi, hast du´s nicht im Griff oder was? Kinder adrett aber Mutter zu dick? Tzzzzz, man muss sich ja echt nicht so gehen lassen. Mutter drei Tage ohne Kinder im Wellnessurlaub? Egoistisches Miststück. Mutter arbeitet nicht? Glucke. Faul. Faule Glucke. Mutter arbeitet Vollzeit? Ja wofür hat die denn Kinder bekommen???!!

Die ewige Besserwisserei, ein alter Hut, wie genügend Mama Blogs bestätigen. Aber Wertschätzung oder gar Lob? Nope.

Ich für meinen Teil bin zumindest noch nie schwitzend bei einem Event angekommen, bei dem ich dann gelobt wurde, pünktlich zu sein und das obwohl ich noch endlos diskutieren musste, warum man bei 28 Grad Sonnencreme braucht und Gummistiefel auch dann unangebracht sind, wenn sie blinken. Niemand fragt nach den 6 Unterbrechungen einer einzigen Tätigkeit, zu der man ohnehin keine Lust hatte, zu der man sich aber dann 6 mal neu motivieren muss. Es ist selbstverständlich, dass ich meine eigenen Gedanken über den Inhalt einer mir sehr wichtigen Seminararbeit zurückstelle, um stattdessen meinem Sohn zuzuhören, wie er über ein zweites Dachfenster im Auto philosophiert und darüber, dass das dann ja eigentlich fast ein Cabrio wäre und dass er dann lacht und ich dann mitlache, obwohl mir gerade gar nicht zum Lachen zumute ist, weil ich weiß, dass die Seminararbeit wegen Zeitmangel scheiße wird und mich das Thema aber doch so sehr interessiert und mir dann wie so oft der Intellekt in meinem Leben fehlt.

Ja, ich tue mir heute einfach ein bisschen selbst leid, denn dann komme ich auf solchen Events an und natürlich meint das keiner böse, doch dort werden dann Männer für ihren tollen, neuen Firmenwagen gehyped und ich werde höchstens gefragt, wann ich denn jetzt fertig bin mit dem Studium und wieder Geld verdiene. Wisst ihr was? Ich verdiene Geld. Ich bekomme nur keins.

 

 

Hört auf zu behaupten, Ihr wärt zu alt für den Scheiß

Ob es noch zu früh ist, für einen Jahresrückblick? Wenn nicht, hier mein preisgekrönter Unsatz des Jahres 2016 : „Ich bin zu alt für den Scheiß“.

Ich verstehe ja, wenn ein 80 Jähriger, herzkranker Mensch mit Schlaganfallrisiko sagt, er sei zu alt für Bungee Jumping. Und dass meine Oma sich zu alt fühlt, ne fette Party mit Stroboskop und lautem Techno zu schmeißen, weil sie einfach verdammt schlecht hört und sieht, macht für mich genauso Sinn. Allerdings scheint „Ich bin zu alt für den Scheiß“ in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine unhinterfragte Universalbegründung geworden zu sein. Und nicht nur das, es ist wieder eine dieser künstlich erzeugten, gedanklichen Grenzen, die uns ausbremst, das zu tun, was wir wirklich, wirklich wollen.

Ich bin zu alt dafür, einen über den Durst zu trinken. Ich bin zu alt, um eine Weltreise zu machen. Ich bin zu alt für ein getuntes Auto. Ich bin zu alt, für einen beruflichen oder privaten Neuanfang. Ich bin zu alt für Metal, Hip Hop oder Techno. Ich bin zu alt, für eine Tätowierung und für die Hüpfburg, die verdammt lustig aussieht, bin ich auch zu alt. Ich bin zu alt, um keinen Bock auf Schnee schippen zu haben und ich bin zu alt dafür, den ganzen Sonntag unproduktiv zu sein, weil ich Samstag Nacht nur unproduktive Dummheiten gemacht habe. Ich bin zu alt zum rebellieren. Ich bin zu alt dafür, mein Geld zu verprassen, stattdessen lege ich es intelligent an. Und wenn ich dieser Linie nicht konsequent treu bleibe, dann bin ich auch noch zu alt dafür, Kinder zu kriegen, also suche ich mir lieber einen mittelmäßigen Partner, der zumindest solide und zeugungsfähig ist, weil für die romantische Suche nach der großen Liebe bin ich übrigens auch viel zu alt. Und überhaupt für alles, worüber die Leute sagen, man wäre dafür eben irgendwann mal zu alt. Wusstet ihr, dass Frauen denken, ab 35 seien sie bald zu alt, um Kinder zu kriegen? Na Alter.

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Kluge Menschen verstehen es, den Abschied von der Jugend auf mehrere Jahrzehnte zu verteilen (Francoise Rosay, französische Schauspielerin)

Ihr kennt sicher Videos, wie diese, die sich viral verbreiten:

Ein alter Mann spielt mit Schnee. Ein Paar, dass schon seit 60 Jahren verheiratet ist, tanzt auf der Straße. Ein Opa raucht ne Bong. Eine alte Frau lacht so sehr, dass sie ihr Gebiss verliert. Warum bringen uns diese Videos zum lächeln? Warum wird uns ganz warm ums Herz, wenn wir diese Menschen beobachten? Wir wünschen uns das Gleiche für uns auch. Wir möchten Lebensfreude und Neugier und den Mut, nach unserem Herzen zu handeln. Manchmal vielleicht unvernünftig. Ganz wie ein Kind. Doch wird uns das gelingen, wenn wir versuchen, uns mit Ausreden, wie unserem Alter, aus der Affäre zu ziehen? Wahrscheinlich nicht.

Hand auf´s Herz, „Ich bin zu alt dafür“ ist einfach nur eine gemütliches Kostüm für Sätze, wie: Es ist mir peinlich. Ich bin zu angepasst. Ich habe Angst davor, was andere Leute über mich denken könnten. Es ist mir nicht mehr wichtig. Meiner Erfahrung nach, tut es mir nicht gut. Ich bin schon zu oft gefallen und habe jetzt Angst vor den Schmerzen. Das ist schon okay, aber sollten wir nicht aufhören, einem externen, unbeeinflussbaren Faktor, die Schuld an unserer Situation zu geben? Das ist Augenwischerei und soll in uns die Illusion erzeugen, dass es nicht in unserer Verantwortung liegt, was wir tun oder lassen. Es ist die böse, kontinuierlich fortschreitende Zeit, die uns einen Strich durch die Rechnung macht. Wir würden ja so gerne, aber leider, leider, sind wir  keine 15 mehr. Blödsinn. Am Ende ist „Ich bin zu alt dafür“ ein Korsett, das von Anderen für uns geschneidert wurde.

Warum mich das so nervt? Weil ich finde, dass diese Angepasstheit unsere Welt schrecklich langweilig macht. Und weil ich einfach nicht damit aufhören kann, es schade zu finden, wenn andersartige, interessante Menschen, Hemmungen haben. Und zuguterletzt ist es schlichtweg Irrsinn, jahrelang darauf zu warten, endlich volljährig zu sein, weil man sich nach der gedanklichen und finanziellen Freiheit des Erwachsenseins sehnt, nur um sich dann nach einer kurzen Zeitspanne wieder selbst zu beschneiden.

Schon klar, wir wollen alle vorwärts kommen. Wir wollen Erfolg haben, bei dem, was wir tun. Wir wollen nichts dem Zufall überlassen, Risiken minimieren. Nur schließt das Eine das Andere nicht zwangsläufig aus. Es gibt Studien darüber, dass die guten Jobs oft gerade diejenigen Studenten bekommen, die häufig feiern gehen. Warum? Weil sie in ihrer Freizeit Bekanntschaften schließen, weil sie auf Partys Sympathisanten und Verbündete finden. Nur so als Beispiel.

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. (Friedrich Nietzsche)

 

Also. Lasst uns doch aufhören, mit dieser grässlichen Überangepasstheit. Wir sind nicht zu alt zum Träumen. Wir sind nicht zu alt dafür, zu scheitern und wieder aufzustehen.

Wir sind zu alt dafür, auf die Erlaubnis unserer Mitmenschen zu warten, wenn wir etwas Ungewöhnliches tun wollen. Wir sind alt genug, selbst zu entscheiden, wie unser Leben aussehen soll. Und schließlich sind wir dann ja auch alt genug dafür, die angenehmen sowie unangenehmen Konsequenzen für unser Handeln zu tragen.

Ich für meinen Teil, freue mich jetzt schon darauf, meine Mitmenschen zum Lachen zu bringen, wenn ich als 70-jährige Omi Bock habe, mit meinem faltigen Hintern auf Hip Hop zu twerken.

Schämt euch, Rabenmütter.

frauenparkplatz-korrigiertGleich vorab: Ich bin weder eine ungefickte Feministin, noch muss ich beim Sex immer oben liegen. Emanzipiert zu sein, heißt für mich auch nicht, über Kerle herzuziehen. Den Vater meiner Kinder finde ich beispielsweise großartig. Weil er mich als Mensch schätzt und zwar ganz unabhängig von meinem Geschlecht.

Innerhalb eines halben Jahres bekam ich gleich zwei mal die selbe Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die empörend ist. Aber nicht aufgrund ihres Inhalts, sondern wegen ihrer Interpretation. Folgende Erzählung hörte ich einmal von einem Mann mittleren Alters und noch einmal von einer Frau um die 30:

„Jetzt stell‘ dir mal vor. Im Urlaub am Strand, da war diese Familie. Mutter, Vater und Kind. Während der Papa sich den ganzen Tag um den kleinen Sohn gekümmert hat, lag die Mami faul auf der Liege rum! Den ganzen Tag. Also echt, der arme Kerl.“

Ich stell‘ mir mal vor. Ich stelle mir einen Vater vor, der von früh bis spät arbeitet und scheiße nochmal glücklich ist, wenn er im Urlaub mal ausnahmsweise intensiv Zeit mit seinem Kind verbringen kann. Ich stelle mir eine Mutter vor, die sich den ganzen Tag um ihren Sohn kümmert und scheiße nochmal glücklich ist, wenn sie im Urlaub mal ausnahmsweise Zeit für sich hat. Ich stelle mir auch vor, dass die beiden vielleicht eine gleichberechtigte Vereinbarung getroffen haben. Heute ich – Morgen Du. Oder Morgens ich – Abends Du. Oder ich stelle mir eine berufstätige Mutter vor, die für das Einkommen sorgt.

Was ich mir nicht vorstelle, ist eine Frau, die ihre Familie nicht liebt, stinkfaul ist oder ihrem Mann zu Hause die Hölle heiß macht, so dass er nicht nur Röcke tragen, sondern sich auch noch um das Balg kümmern muss. Die meisten von uns gehen aber von dem aus, was sie als Normalität kennengelernt haben, nämlich arbeitende Väter und erziehende Mütter – und werten die „neuen Mütter“ ab.

Noch vor sechs Jahren – bevor ich schwanger wurde – hätte ich die Situation ähnlich konservativ interpretiert. Deshalb mache ich in diesen Momenten auch niemandem einen Vorwurf, sondern versuche diplomatisch nachzuhaken. Vielleicht hat das Kind seinen Papa vermisst? Ist es möglich, dass die Mutter diejenige ist, die die Brötchen verdient? Wäre euch die Situation auch negativ aufgefallen, wenn die Aufgabenverteilung umgekehrt gewesen wäre? Ich wünschte ich könnte meine Mitmenschen zu etwas mehr Toleranz verleiten. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, sie ein bisschen zum Nachdenken anzuregen, ohne zu wirken wie eine abgespackte, verbitterte Version von Alice Schwarzer. Es macht mich einfach nur traurig, dass Frauen sich nach wie vor in Situationen rechtfertigen müssen, die für Männer ganz selbstverständlich sind.

Und es frustriert mich. Denn wie in so vielen Fällen, zeigen solche Geschichten, dass wir unsere eigenen Gefängnisse immer wieder selbst reproduzieren und es gar nicht bemerken. Ganz im Gegenteil, wir halten uns für wahnsinnig fortschrittlich. Es ist ironisch:  Umfragen zufolge beteuern 97 % der Deutschen, dass sie Gleichberechtigung unbedingt voll toll finden. Ja, Gleichberechtigung ist total im Trend! Nur bedeutet das gleiche Recht für alle nicht automatisch, dass auch alle dieses Recht in Anspruch nehmen oder es anderen zugestehen. Denn nach wie vor sind Mütter hauptverantwortlich für Haushalt, Kinder und emotionale Angelegenheiten und somit auch der Arsch, wenn’s in diesen Bereichen hakt – egal ob sie arbeiten gehen oder nicht.  Das sieht man wunderbar an solchen Situationen.

Die kinderlosen Menschen unter Euch werden sich das vielleicht nur schwer vorstellen können. Aber es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Geburt eines Kindes auch die modernste Beziehung auf den Kopf stellt. Selbst wenn ein Paar sich jahrelang alle Pflichten fair und gleichberechtigt aufgeteilt hat, sorgt ein Kind dafür, dass Eltern sich plötzlich in den alten Rollenbildern wiederfinden. Und zwar schneller, als Angela Merkel „Vaeinbakeit“ sagen kann. Das liegt an ganz verschiedenen Faktoren, die wir alle selbst erschaffen und begünstigen.

Die eine Hälfte der Deutschen ist alt. Die andere Hälfte wurde von den Alten erzogen. Genauer gesagt von den Müttern unter ihnen. Das kennen wir, das war schon immer so. Dass Frauen mittlerweile auch Karriere machen wollen, heißt noch lange nicht, dass dies auch von der Gesellschaft unterstützt wird. Männer gehen seltener in Elternzeit, weil sie immernoch mehr verdienen. Arbeitgeber stellen lieber Männer ein, weil diese nicht in Elternzeit gehen. Frauen haben eher ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich um sich selbst kümmern (außer die am Strand, die ist cool). Dementsprechend treten Mütter zugunsten der Familie im Beruf kürzer, was dazu führt, dass Arbeitgeber sich in ihrer Sichtweise bestärkt fühlen und die Lebensläufe der Frauen Lücken bekommen, was sich wieder negativ auf die zukünftige Jobsituation auswirkt. Männer denken, dass sie den Versorger spielen müssen, weil ihre Eier sonst in der Glasvitrine der Frau ausgestellt werden. Die Betreuungssituation ist ein Witz. Die deutsche Mehrheit denkt, dass zu viel Fremdbetreuung (super Wort) Kindern schadet. Es gibt Schilder, da steht „Frauenparkplatz“ drauf. Schilder, die wenigstens „Elternparkplatz“ heißen, zeigen ein Männchen mit Rock. Männer, die Windeln wechseln, werden gefeiert wie Rockstars. Frauen die Windeln wechseln, wechseln Windeln. Menschen schmeißen ihre Wertevorstellungen zugunsten finanzieller Vorteile über den Haufen. Und so weiter und so weiter.

Hinzu kommt, dass viele Mütter die Lage noch begünstigen, indem sie ihren Männern die Möglichkeit nehmen, an neuen Aufgaben zu wachsen. In Fachkreisen nennt sich dieses Verhalten maternal gatekeeping, was bedeutet, dass einige Frauen darauf bestehen es einfach besser zu können und den Mann gar nicht erst in „ihr“ Revier lassen. Es mag sein, dass sich gewisse Klischees durch unsere Erziehung bestätigen. Frauen und Technik. Männer und Haushalt. Aber dem anderen Geschlecht grundsätzliche Kompetenzen abzusprechen finde ich nicht nur respektlos, es zeugt auch davon, dass wir nicht in der Lage sind, verschiedene Versionen von Richtig und Falsch zu akzeptieren.

Das „Sauber“ meines Mannes ist ein anderes „Sauber“ als meins. Unsere Definitonen von „wetterfest angezogen“ unterscheiden sich bei den Kindern ebenso. Wenn ich aber ständig hingehe und die Arbeit meines Gegenübers verbessere, kommuniziere ich erstmal, dass er alltagsuntauglich ist. In der Folge demotiviere ich meinen Partner. Und zuletzt reiße ich die Verantwortung wieder an mich, um mich danach zu beschweren, dass ich für alles die Verantwortung trage. Das wäre mir auch als Mann zu blöde. Wollt ihr wirklich als unfähige Trolle abgestempelt werden, die nur buckeln gehen können? Viel schöner ist es doch einen geeigneten Mittelweg zu finden. Und den dann auch nach außen hin zu vertreten. Das ist für mich Teamarbeit. Und die kann durch den Einfluss zweier verschiedener Perspektiven wahnsinnig wirksam und produktiv sein.

Versteht mich nicht falsch, ich habe kein grundsätzliches Problem mit traditioneller Rollenverteilung. Diese hat nicht zu unterschätzende Vorteile. Mein Mann und ich müssen jeden Tag so viele Dinge verhandeln und diskutieren, die im alten Model ganz selbstverständlich sind. Das ist manchmal sehr anstrengend. Außerdem bewundere ich Frauen, die sich den ganzen Tag ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmern, weil das verdammt viel Disziplin und Frustrationstoleranz erfordert. Mehr noch als die meisten Jobs.

Es nervt mich aber gewaltig, wenn übermüdete, meckernde Frauen es zulassen, dass sie ihren Job 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche erledigen, während ihre Männer nach 8-10 Stunden Arbeit nach Hause kommen und in ihrer Sitzmulde im Sofa versinken. Ist das etwa faire Arbeitsaufteilung? Ein Argument, das ich an dieser Stelle viel zu oft höre ist dieses, dass Familienarbeit ja auch Spaß machen kann. Und weiter, dass diese Arbeit ja unbezahlt ist. Die Gültigkeit dieser beiden Argumente wird selbstverständlich nicht hinterfragt und das bringt mich zum würgen. Denn ihre Botschaft ist so grausam wie irrsinnig: Arbeit darf keinen Spaß machen. Und wenn sie dazu noch unbezahlt ist, ist es auf keinen Fall richtige Arbeit und somit auch nicht anstrengend. So sieht’s aus! Deshalb haben Marathonläufer nach 42 freiwilligen, unbezahlten Kilometern auch auf gar keinen Fall Muskelkater.

Ihr großartigen, engagierten Frauen: BITTE lasst doch nicht zu, dass Eure eigene Leistung so geringschätzig behandelt wird. Oder glaubt ihr Eure Männer haben sich im Job Lachverbot erteilt? Und wenn ihr schon bei dem Spiel mitmacht, dann bitte erkennt auch den eigenen Anteil an Eurer Situation. Ihr könnt sie selbst verändern und wenn es bedeutet die abschätzigen Blicke auszuhalten, wenn ihr in der Sonne chillt. Nur indem wir zeigen, dass Gleichberechtigung normal ist, kann sie es auch werden.

Was ich mir also für die Zukunft wünsche: Parkplatzschilder, auf die Bärte geschmiert sind. Verwirrte Arbeitgeber, die desillusioniert Elternzeitanträge von Vätern unterschreiben. Mütter, die akzeptieren, dass väterliche Liebe sich nicht über den stündlichen Gebrauch von Feuchttüchern definiert.  Männer, die ihren Mädels einen Arschtritt vor die Türe geben, damit diese nach einer durchfeierten Nacht gut gelaunt ins Bett geschlüpft kommen. Menschen, die Andersartigkeit offen begegnen. Und vor allem eins: dass ich bei Grillfesten nicht mehr gefragt werde, ob ich nen verdammten Salat mache. Oder zumindest die Wahl zwischen Grünzeug und Bier habe.

 

Helden des Alltags gesucht

Auf dem Bio-Blog von denn’s könnt Ihr mittlerweile schon ein paar meiner Alltagshelden kennenlernen. So  zum Beispiel die Minimalistin Pia, Tierschützerin Rebecca, Veganerin Nastasja oder den Umweltschützer Laurin.

 

Alle Personen, die dort keinen Platz finden, werden zukünftig hier von mir vorgestellt. Worum es bei dem Projekt geht, könnt Ihr in diesem Einführungstext von mir nachlesen.

 

Ich liebe Menschen, die sich trauen aus der Reihe zu tanzen. Wenn sie das Ganze dann noch zum Wohle der Gesellschaft tun, möchte ich ihnen ein Siegertreppchen basteln und ihnen vor Freude überschwänglich auf die Schulter klopfen.

Wir neigen ja schon ein bisschen dazu, uns automatisch „den Guten“ zuzuordnen. Die Umsetzung ist hier Definitionssache. Einer hält sich für einen vorbildlichen Menschen, wenn er regelmäßig seinen Rasen gemäht hat und damit die Nachbarschaft verschönert. Andere finden es wichtig, einwandfrei allgemeingebildet zu sein und eine ordentliche Berufsausbildung vorzuweisen. Ein Dritter gibt sich damit zufrieden, wenn er Online Petitionen unterschreibt oder sich gemeinschaftlich gegen die Rundfunkgebühren „erhebt“. Und der Vierte hat ein gutes Gewissen, wenn er pünktlich Steuern zahlt und alle paar Zeiten seine Stimme abgibt.

Gegen keines der aufgezählten Dinge habe ich etwas einzuwenden. Unsere Gesellschaft wäre nicht das was sie ist, wenn nicht jeder von uns seinen Beitrag leisten würde. All die aufgereihten Verhaltensweisen sind wertzuschätzen aber fallen eben doch nicht aus der Reihe. Sie sind gesellschaftlich anerkannt und meist erwünscht. Sie erfordern wenig Courage und sind häufig sehr bequem. Sie entsprechen dem Leitbild eines vorbildlichen Bürgers.

„Immer wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, dann ist es Zeit sich zu besinnen.“ (Mark Twain)

Allzu oft habe ich aber das Gefühl, dass das, was wir unter einem ordentlichen Bürger verstehen, einen Hauch von Ignoranz und Bequemlichkeit hat. Hauptsache der Norm entsprechend. Ist es anerkannt, dann muss es auch gut sein. Und dann darf Herr Saubermann auch mit dem Finger auf andere zeigen.

Wir blättern in unseren Zeitungen und verurteilen gierige Großkonzerne – um im nächsten Moment zu Dumpingpreisen einzukaufen. Wir echauffieren uns über Blöd Zeitung und Sensationsgier, nur um im nächsten Moment ausgiebig mit den Arbeitskollegen zu tratschen. Wir finden Machtmissbrauch ganz furchtbar – und trauen uns doch nicht vermeintlichen Autoritäten zu widersprechen. Irgendwie sind es meistens die Anderen, die sich falsch verhalten. Irgendwie gerät gerne mal in Vergessenheit, dass jeder Einzelne von uns in der Summe genau diese Gesellschaft bildet.

Die Menschen, über die ich deshalb bloggen möchte, sind Querdenker. Leute, die anerkannte Verhaltensweisen überdenken und keinen Knigge benötigen, um moralisch zu handeln. Personen, die unbequeme Wege gehen. Ich liebe Selbstdenker und Nein-Sager.

Die Lust am eigenen Denken erfordert den Mut, die Komfortzone zu verlassen

Nur ein Beispiel. Ich als Mutter komme immer wieder in die Situation, in der mir mein Gegenüber erklärt, man müsse seinen Kindern „etwas bieten können“. Etwas bieten können heißt in dem Fall etwas kaufen können. Zum Beispiel neue Klamotten, Spielsachen, Ballettunterricht, was auch immer. Vorher sollte man sich unter keinen Umständen fortpflanzen. Das wäre dann auch irgendwie asozial. Außerdem liefe man selbstverständlich Gefahr, dass die Sprösslinge später in der Schule gemobbt würden, wenn der Wohlstand fehlt. Ist ja auch logisch, welches Kind will schon Liebe und Aufmerksamkeit, wenn es ein iPhone und eine Ausbildung auf der Privatschule haben kann?

Aktuelle Medienberichte bestätigen diese Mentalität junger Paare. Erst Wohlstand, dann Kinder. Mal von der allseits bejammerten Geburtenrate abgesehen, finde ich es unendlich traurig, welche Werte wir so hartnäckig als „Gut“ verteidigen. Mein Mann und ich sind vor fünf Jahren zum ersten Mal Eltern geworden. Wir hatten ein verschwindend geringes Einkommen, mein Mann war auf Arbeitssuche. Man möge sich die allgemeine Empörung vorstellen! Das Unverständnis begegnete uns in Form von Mitleid, Respektlosigkeit und blankem Entsetzen.

Heute sieht die Sache zwar ganz anders aus und wir müssen uns diesbezüglich nicht länger rechtfertigen. Auch lebe ich meinen Kindern gerne die Bedeutung einer sinnvollen Tätigkeit vor. Aber ich bin unsagbar froh, dass wir damals diesen unkonventionellen Weg gegangen sind. Denn heute sind wir nicht nur stolze Eltern zweier Kinder, sondern auch noch um die Erfahrung reicher, was es bedeutet gegen den Strom zu schwimmen und auf sein Bauchgefühl zu hören.

Wer sich nicht der Norm anpasst, nimmt das Risiko der Ausgrenzung in Kauf

Es ist einfach in der Anonymität der Masse unterzutauchen. Das gibt Sicherheit, das ist bequem, bringt aber kaum Veränderung in Gang. Darum bin ich immer wieder hellauf begeistert, wenn ich auf Menschen treffe, die ihren eigenen Kopf haben. Kleine Idealisten, die bereit sind auf ihre Bequemlichkeit zu verzichten. Menschen, die sich mit ihrem Lebensstil zu Minderheiten zählen und deshalb auch mal anecken. Immer ein bisschen dem Gesetz des kategorischen Imperativs folgend.

Das kann der Umweltschützer sein, der allen mit seinen Fahrgemeinschaften auf den Keks geht. Das können regimekritische Personen sein, die sich lieber mit brotloser Kunst durchs Leben schlagen, als sich jeden Tag gut bezahlt an einen x-beliebigen Arbeitgeber zu verschreiben. Das kann die Kollegin sein, die sich gegen den Geschenkewahn an Heilig Abend ausspricht und sich damit auf der Weihnachtsfeier unbeliebt macht. Das kann aber auch der HartzIV Empfänger sein, der sich lieber der Schmach der Gesellschaft stellt, als ein Stellenangebot anzunehmen, bei dem Mensch und Tier ausgebeutet werden. Vereinsgründer, Hanfaktivisten, Minimalisten – der Fantasie sollen hier keine Grenzen gesetzt sein.

Genauso gut können das aber auch ganz kleine Alltagsdinge sein. Der Gast, der Aufrichtigkeit so wichtig finden, dass er sich in Restaurants unbeliebt macht. Der Konsument, der sich nicht schämt Second Hand Kleidung zu tragen, weil er mit dem gesparten Geld fair gehandelte Lebensmittel kauft.

All diese Menschen haben garantiert etwas gemeinsam: Sie brauchen Mut und sie gehen Wege des Widerstands. Einige werden belächelt oder gar angegriffen. Als faul, geizig, merkwürdig oder anstrengend betitelt. Aber sie nehmen das in Kauf. Weil sie zu ihren Werten stehen. Weil sie finden, dass praktische Vorbilder oft größere Wirkung haben, als ein verabschiedetes Gesetz. Weil sie sehen, dass es nicht reicht über die Welt und ihre Ungerechtigkeiten zu diskutieren. Und weil sie erkannt haben, dass uns als Individuen eines ganz sicher bleibt: die Möglichkeit zum richtungsweisenden Verhalten.

Genau diese Personen möchte ich in meinem Blog vorstellen. Denn ich finde Euch wunderbar. Ihr Gutmenschen und Weltverbesserer gebt mir das Gefühl, dass es noch Personen gibt, denen nicht alles egal ist, solange sie satt im warmen Stübchen sitzen.

Erzählt mir von alltäglichen Heldentaten und lasst mich darüber schreiben

In diesem Blog soll es nicht um Richtig und Falsch gehen. Das darf und will ich gar nicht beurteilen. Deshalb brauche ich Eure Mithilfe.

Wer ist in Euren Augen ein Alltagsheld? Welcher Normen werft Ihr zum Wohle der Gesellschaft über den Haufen? Wo eckt ihr an oder brecht Tabus? Ich bin sehr gespannt auf Eure Geschichten.

Ob anonym oder mit Foto soll zweitrangig sein. Wichtig ist nur Euer gelebtes Ideal und Eure Begegnungen im Alltag. Schickt mir einfach eine E-Mail (soziochaotin@outlook.de), kommentiert bei Facebook oder meinen Beitrag. Ich freue mich jetzt schon auf Euer Feedback!

Gute Laune Experiment: Der Samariter-Effekt

Über ein Experiment, das Hoffnung macht

Kennst Du das Gefühl von Weltekel?

Du schaltest die Nachrichten ein, schaust ein paar Minuten und hast das Gefühl, dass die Welt den Bach runter geht. Korrupte Politiker, Katastrophen und Terror flimmern über deinen Bildschirm. Wenn Du nicht schon nach fünf Minuten weggezappt hast, sitzt Du am Ende vielleicht da und bemerkst, dass Du jetzt so richtig in Feierstimmung bist. In Trauerfeier Stimmung.

Seufzend stellst Du fest, dass Du Dich unwohl fühlst. Traurig, wütend, hilflos. Die Welt ist schlecht und ihre Menschen besonders. Ich frage mich in solchen Momenten oft, in welche Welt ich meine Kinder geboren habe. Möglicherweise klingelt in diesem Moment Dein Telefon. Irgendjemand möchte etwas von Dir, vielleicht einen Gefallen. Enthusiastisch bist Du in diesem Gemütszustand nicht. Vielleicht reagierst Du genervt.

An dieser Stelle die gute Nachricht: Das Ganze geht auch anders herum. 

Weil ich ein ziemlicher Kopfmensch bin, stütze ich mich gerne auf Studien. Allzu gerne hätte ich diese Gabe der Gelassenheit und des unerschütterlichen Vertrauens. Aber bis ich mich selbst so weise meditiert habe, wird’s wohl noch etwas dauern. Hier also eine Studie mit handfestem Ergebnis:

Der Samariter-Effekt

Denkt mal zurück, an die gute alte Zeit der Telefonzellen.

Vielleicht wisst ihr das selbst noch. Wenn man dort ein Gespräch führte oder nur daran vorbei ging, fasste man gerne mal in das Geldfach, um zu schauen, ob darin nicht eine Münze vergessen wurde.

Der Psychologe Dale Larson nutzte diese Angewohnheit der Menschen und ging in seinem Experiment folgendermaßen vor: Er hinterlegte für einige unwissende Passanten ein 10 Cent Stück in dem Fach. Für andere wiederum nicht.

Dann ließ er wie zufällig eine eingeweihte Studentin an der Telefonzelle vorbei laufen, die einen großen Stapel Bücher trug. Just in dem Moment, als die Versuchspersonen die Zelle verließen, sollte die Studentin ihre Bücher sichtbar fallen lassen.

Wie reagierten nun die glücklichen Finder der 10 Cent Münze im Vergleich zu den leer ausgegangenen Versuchspersonen? Die Beobachtungen sind gleichermaßen verblüffend wie erfreulich.

Die Menschen, die nun um 10 Cent „reicher“ waren, halfen der Studentin 4 Mal häufiger beim Aufheben ihrer Bücher.

Man stelle sich bitte mal das Verhältnis vor. Vier mal. Für 10 Cent.

Die Konsequenz der Studie finde ich ermutigend und sie macht mir richtig gute Laune. Widerfährt Menschen etwas Gutes, so steigt ihre Hilfsbereitschaft um das Vierfache. Und das bedeutet wiederum, dass Du andere mit Deiner eigenen Hilfsbereitschaft beeinflussen kannst, es Dir nachzutun. Was in der Folge heißt, dass das ewig so weitergetragen werden kann. Tue etwas Gutes und deine gute Tat wird vierfach Früchte tragen.

In meinem Alltag muss ich öfter mal an dieses Experiment denken und ich hoffe, Dir geht es bald genauso. Es macht Lust und vertreibt die Hilflosigkeit. Und besonders gefällt mir, dass man nicht zwingend einen ungesunden Helferkomplex entwickeln muss.

Vielleicht überlässt Du heute mal jemandem den Parkplatz oder kaufst einem quengelnden Kind an der Kasse einen Lolli. Vielleicht hältst Du nur jemandem die Türe auf oder machst ein aufrichtiges Kompliment. Und wenn Dir das nächste Mal ein Fremder hilft, musst Du vielleicht genauso schmunzeln wie ich, weil Du Deine steigende Hilfsbereitschaft deutlicher wahrnimmst.

Zum Schluss noch ein Gedanke

Ich bin heilfroh, dass wir Menschen in der Lage sind Betroffenheit und Mitgefühl zu empfinden. Es bringt uns zur Veränderung und kann ebenso zu Hilfsbereitschaft führen.

Deshalb sehe ich es zwar kritisch, einfach alles Elend auszublenden und nur positiv zu denken. Aber seien wir mal ehrlich: mit hängenden Schultern anzupacken ist ungefähr so leicht, wie mit betäubtem Zahnfleisch aus einer Flasche zu trinken.