Schämt euch, Rabenmütter.

frauenparkplatz-korrigiertGleich vorab: Ich bin weder eine ungefickte Feministin, noch muss ich beim Sex immer oben liegen. Emanzipiert zu sein, heißt für mich auch nicht, über Kerle herzuziehen. Den Vater meiner Kinder finde ich beispielsweise großartig. Weil er mich als Mensch schätzt und zwar ganz unabhängig von meinem Geschlecht.

Innerhalb eines halben Jahres bekam ich gleich zwei mal die selbe Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die empörend ist. Aber nicht aufgrund ihres Inhalts, sondern wegen ihrer Interpretation. Folgende Erzählung hörte ich einmal von einem Mann mittleren Alters und noch einmal von einer Frau um die 30:

„Jetzt stell‘ dir mal vor. Im Urlaub am Strand, da war diese Familie. Mutter, Vater und Kind. Während der Papa sich den ganzen Tag um den kleinen Sohn gekümmert hat, lag die Mami faul auf der Liege rum! Den ganzen Tag. Also echt, der arme Kerl.“

Ich stell‘ mir mal vor. Ich stelle mir einen Vater vor, der von früh bis spät arbeitet und scheiße nochmal glücklich ist, wenn er im Urlaub mal ausnahmsweise intensiv Zeit mit seinem Kind verbringen kann. Ich stelle mir eine Mutter vor, die sich den ganzen Tag um ihren Sohn kümmert und scheiße nochmal glücklich ist, wenn sie im Urlaub mal ausnahmsweise Zeit für sich hat. Ich stelle mir auch vor, dass die beiden vielleicht eine gleichberechtigte Vereinbarung getroffen haben. Heute ich – Morgen Du. Oder Morgens ich – Abends Du. Oder ich stelle mir eine berufstätige Mutter vor, die für das Einkommen sorgt.

Was ich mir nicht vorstelle, ist eine Frau, die ihre Familie nicht liebt, stinkfaul ist oder ihrem Mann zu Hause die Hölle heiß macht, so dass er nicht nur Röcke tragen, sondern sich auch noch um das Balg kümmern muss. Die meisten von uns gehen aber von dem aus, was sie als Normalität kennengelernt haben, nämlich arbeitende Väter und erziehende Mütter – und werten die „neuen Mütter“ ab.

Noch vor sechs Jahren – bevor ich schwanger wurde – hätte ich die Situation ähnlich konservativ interpretiert. Deshalb mache ich in diesen Momenten auch niemandem einen Vorwurf, sondern versuche diplomatisch nachzuhaken. Vielleicht hat das Kind seinen Papa vermisst? Ist es möglich, dass die Mutter diejenige ist, die die Brötchen verdient? Wäre euch die Situation auch negativ aufgefallen, wenn die Aufgabenverteilung umgekehrt gewesen wäre? Ich wünschte ich könnte meine Mitmenschen zu etwas mehr Toleranz verleiten. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, sie ein bisschen zum Nachdenken anzuregen, ohne zu wirken wie eine abgespackte, verbitterte Version von Alice Schwarzer. Es macht mich einfach nur traurig, dass Frauen sich nach wie vor in Situationen rechtfertigen müssen, die für Männer ganz selbstverständlich sind.

Und es frustriert mich. Denn wie in so vielen Fällen, zeigen solche Geschichten, dass wir unsere eigenen Gefängnisse immer wieder selbst reproduzieren und es gar nicht bemerken. Ganz im Gegenteil, wir halten uns für wahnsinnig fortschrittlich. Es ist ironisch:  Umfragen zufolge beteuern 97 % der Deutschen, dass sie Gleichberechtigung unbedingt voll toll finden. Ja, Gleichberechtigung ist total im Trend! Nur bedeutet das gleiche Recht für alle nicht automatisch, dass auch alle dieses Recht in Anspruch nehmen oder es anderen zugestehen. Denn nach wie vor sind Mütter hauptverantwortlich für Haushalt, Kinder und emotionale Angelegenheiten und somit auch der Arsch, wenn’s in diesen Bereichen hakt – egal ob sie arbeiten gehen oder nicht.  Das sieht man wunderbar an solchen Situationen.

Die kinderlosen Menschen unter Euch werden sich das vielleicht nur schwer vorstellen können. Aber es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Geburt eines Kindes auch die modernste Beziehung auf den Kopf stellt. Selbst wenn ein Paar sich jahrelang alle Pflichten fair und gleichberechtigt aufgeteilt hat, sorgt ein Kind dafür, dass Eltern sich plötzlich in den alten Rollenbildern wiederfinden. Und zwar schneller, als Angela Merkel „Vaeinbakeit“ sagen kann. Das liegt an ganz verschiedenen Faktoren, die wir alle selbst erschaffen und begünstigen.

Die eine Hälfte der Deutschen ist alt. Die andere Hälfte wurde von den Alten erzogen. Genauer gesagt von den Müttern unter ihnen. Das kennen wir, das war schon immer so. Dass Frauen mittlerweile auch Karriere machen wollen, heißt noch lange nicht, dass dies auch von der Gesellschaft unterstützt wird. Männer gehen seltener in Elternzeit, weil sie immernoch mehr verdienen. Arbeitgeber stellen lieber Männer ein, weil diese nicht in Elternzeit gehen. Frauen haben eher ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich um sich selbst kümmern (außer die am Strand, die ist cool). Dementsprechend treten Mütter zugunsten der Familie im Beruf kürzer, was dazu führt, dass Arbeitgeber sich in ihrer Sichtweise bestärkt fühlen und die Lebensläufe der Frauen Lücken bekommen, was sich wieder negativ auf die zukünftige Jobsituation auswirkt. Männer denken, dass sie den Versorger spielen müssen, weil ihre Eier sonst in der Glasvitrine der Frau ausgestellt werden. Die Betreuungssituation ist ein Witz. Die deutsche Mehrheit denkt, dass zu viel Fremdbetreuung (super Wort) Kindern schadet. Es gibt Schilder, da steht „Frauenparkplatz“ drauf. Schilder, die wenigstens „Elternparkplatz“ heißen, zeigen ein Männchen mit Rock. Männer, die Windeln wechseln, werden gefeiert wie Rockstars. Frauen die Windeln wechseln, wechseln Windeln. Menschen schmeißen ihre Wertevorstellungen zugunsten finanzieller Vorteile über den Haufen. Und so weiter und so weiter.

Hinzu kommt, dass viele Mütter die Lage noch begünstigen, indem sie ihren Männern die Möglichkeit nehmen, an neuen Aufgaben zu wachsen. In Fachkreisen nennt sich dieses Verhalten maternal gatekeeping, was bedeutet, dass einige Frauen darauf bestehen es einfach besser zu können und den Mann gar nicht erst in „ihr“ Revier lassen. Es mag sein, dass sich gewisse Klischees durch unsere Erziehung bestätigen. Frauen und Technik. Männer und Haushalt. Aber dem anderen Geschlecht grundsätzliche Kompetenzen abzusprechen finde ich nicht nur respektlos, es zeugt auch davon, dass wir nicht in der Lage sind, verschiedene Versionen von Richtig und Falsch zu akzeptieren.

Das „Sauber“ meines Mannes ist ein anderes „Sauber“ als meins. Unsere Definitonen von „wetterfest angezogen“ unterscheiden sich bei den Kindern ebenso. Wenn ich aber ständig hingehe und die Arbeit meines Gegenübers verbessere, kommuniziere ich erstmal, dass er alltagsuntauglich ist. In der Folge demotiviere ich meinen Partner. Und zuletzt reiße ich die Verantwortung wieder an mich, um mich danach zu beschweren, dass ich für alles die Verantwortung trage. Das wäre mir auch als Mann zu blöde. Wollt ihr wirklich als unfähige Trolle abgestempelt werden, die nur buckeln gehen können? Viel schöner ist es doch einen geeigneten Mittelweg zu finden. Und den dann auch nach außen hin zu vertreten. Das ist für mich Teamarbeit. Und die kann durch den Einfluss zweier verschiedener Perspektiven wahnsinnig wirksam und produktiv sein.

Versteht mich nicht falsch, ich habe kein grundsätzliches Problem mit traditioneller Rollenverteilung. Diese hat nicht zu unterschätzende Vorteile. Mein Mann und ich müssen jeden Tag so viele Dinge verhandeln und diskutieren, die im alten Model ganz selbstverständlich sind. Das ist manchmal sehr anstrengend. Außerdem bewundere ich Frauen, die sich den ganzen Tag ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmern, weil das verdammt viel Disziplin und Frustrationstoleranz erfordert. Mehr noch als die meisten Jobs.

Es nervt mich aber gewaltig, wenn übermüdete, meckernde Frauen es zulassen, dass sie ihren Job 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche erledigen, während ihre Männer nach 8-10 Stunden Arbeit nach Hause kommen und in ihrer Sitzmulde im Sofa versinken. Ist das etwa faire Arbeitsaufteilung? Ein Argument, das ich an dieser Stelle viel zu oft höre ist dieses, dass Familienarbeit ja auch Spaß machen kann. Und weiter, dass diese Arbeit ja unbezahlt ist. Die Gültigkeit dieser beiden Argumente wird selbstverständlich nicht hinterfragt und das bringt mich zum würgen. Denn ihre Botschaft ist so grausam wie irrsinnig: Arbeit darf keinen Spaß machen. Und wenn sie dazu noch unbezahlt ist, ist es auf keinen Fall richtige Arbeit und somit auch nicht anstrengend. So sieht’s aus! Deshalb haben Marathonläufer nach 42 freiwilligen, unbezahlten Kilometern auch auf gar keinen Fall Muskelkater.

Ihr großartigen, engagierten Frauen: BITTE lasst doch nicht zu, dass Eure eigene Leistung so geringschätzig behandelt wird. Oder glaubt ihr Eure Männer haben sich im Job Lachverbot erteilt? Und wenn ihr schon bei dem Spiel mitmacht, dann bitte erkennt auch den eigenen Anteil an Eurer Situation. Ihr könnt sie selbst verändern und wenn es bedeutet die abschätzigen Blicke auszuhalten, wenn ihr in der Sonne chillt. Nur indem wir zeigen, dass Gleichberechtigung normal ist, kann sie es auch werden.

Was ich mir also für die Zukunft wünsche: Parkplatzschilder, auf die Bärte geschmiert sind. Verwirrte Arbeitgeber, die desillusioniert Elternzeitanträge von Vätern unterschreiben. Mütter, die akzeptieren, dass väterliche Liebe sich nicht über den stündlichen Gebrauch von Feuchttüchern definiert.  Männer, die ihren Mädels einen Arschtritt vor die Türe geben, damit diese nach einer durchfeierten Nacht gut gelaunt ins Bett geschlüpft kommen. Menschen, die Andersartigkeit offen begegnen. Und vor allem eins: dass ich bei Grillfesten nicht mehr gefragt werde, ob ich nen verdammten Salat mache. Oder zumindest die Wahl zwischen Grünzeug und Bier habe.

 

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3 Replies to “Schämt euch, Rabenmütter.

  1. Toller Artikel! Leider so wahr. Was musste ich letzte Woche erst wieder in der Arbeit vom Chef hören: „Wir machen nächste Woche ein Grillfest, die Damen sollen dann alle mal einen Salat mitbringen.“ Whaaaat? Wieso nur die Frauen? Können die Männer keinen Salat oder wollen sie nicht? Sowas regt mich auf…

    1. Liebe Franziska, danke für Deinen Kommentar, ich kann mir die Situation allzu gut vorstellen 🙂 Diese Selbstverständlichkeiten, gut über den kompletten Alltag portioniert, regen mich auch furchtbar auf. Genau wie mir Männer leid tun, die vielleicht richtig gerne kochen und dann doof angeschaut werden, wenn sie sich gern einbringen wollen. Ich stelle mich in solchen Momenten gerne dumm und frage nach 😉

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