Hört auf zu behaupten, Ihr wärt zu alt für den Scheiß

Ob es noch zu früh ist, für einen Jahresrückblick? Wenn nicht, hier mein preisgekrönter Unsatz des Jahres 2016 : „Ich bin zu alt für den Scheiß“.

Ich verstehe ja, wenn ein 80 Jähriger, herzkranker Mensch mit Schlaganfallrisiko sagt, er sei zu alt für Bungee Jumping. Und dass meine Oma sich zu alt fühlt, ne fette Party mit Stroboskop und lautem Techno zu schmeißen, weil sie einfach verdammt schlecht hört und sieht, macht für mich genauso Sinn. Allerdings scheint „Ich bin zu alt für den Scheiß“ in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine unhinterfragte Universalbegründung geworden zu sein. Und nicht nur das, es ist wieder eine dieser künstlich erzeugten, gedanklichen Grenzen, die uns ausbremst, das zu tun, was wir wirklich, wirklich wollen.

Ich bin zu alt dafür, einen über den Durst zu trinken. Ich bin zu alt, um eine Weltreise zu machen. Ich bin zu alt für ein getuntes Auto. Ich bin zu alt, für einen beruflichen oder privaten Neuanfang. Ich bin zu alt für Metal, Hip Hop oder Techno. Ich bin zu alt, für eine Tätowierung und für die Hüpfburg, die verdammt lustig aussieht, bin ich auch zu alt. Ich bin zu alt, um keinen Bock auf Schnee schippen zu haben und ich bin zu alt dafür, den ganzen Sonntag unproduktiv zu sein, weil ich Samstag Nacht nur unproduktive Dummheiten gemacht habe. Ich bin zu alt zum rebellieren. Ich bin zu alt dafür, mein Geld zu verprassen, stattdessen lege ich es intelligent an. Und wenn ich dieser Linie nicht konsequent treu bleibe, dann bin ich auch noch zu alt dafür, Kinder zu kriegen, also suche ich mir lieber einen mittelmäßigen Partner, der zumindest solide und zeugungsfähig ist, weil für die romantische Suche nach der großen Liebe bin ich übrigens auch viel zu alt. Und überhaupt für alles, worüber die Leute sagen, man wäre dafür eben irgendwann mal zu alt. Wusstet ihr, dass Frauen denken, ab 35 seien sie bald zu alt, um Kinder zu kriegen? Na Alter.

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Kluge Menschen verstehen es, den Abschied von der Jugend auf mehrere Jahrzehnte zu verteilen (Francoise Rosay, französische Schauspielerin)

Ihr kennt sicher Videos, wie diese, die sich viral verbreiten:

Ein alter Mann spielt mit Schnee. Ein Paar, dass schon seit 60 Jahren verheiratet ist, tanzt auf der Straße. Ein Opa raucht ne Bong. Eine alte Frau lacht so sehr, dass sie ihr Gebiss verliert. Warum bringen uns diese Videos zum lächeln? Warum wird uns ganz warm ums Herz, wenn wir diese Menschen beobachten? Wir wünschen uns das Gleiche für uns auch. Wir möchten Lebensfreude und Neugier und den Mut, nach unserem Herzen zu handeln. Manchmal vielleicht unvernünftig. Ganz wie ein Kind. Doch wird uns das gelingen, wenn wir versuchen, uns mit Ausreden, wie unserem Alter, aus der Affäre zu ziehen? Wahrscheinlich nicht.

Hand auf´s Herz, „Ich bin zu alt dafür“ ist einfach nur eine gemütliches Kostüm für Sätze, wie: Es ist mir peinlich. Ich bin zu angepasst. Ich habe Angst davor, was andere Leute über mich denken könnten. Es ist mir nicht mehr wichtig. Meiner Erfahrung nach, tut es mir nicht gut. Ich bin schon zu oft gefallen und habe jetzt Angst vor den Schmerzen. Das ist schon okay, aber sollten wir nicht aufhören, einem externen, unbeeinflussbaren Faktor, die Schuld an unserer Situation zu geben? Das ist Augenwischerei und soll in uns die Illusion erzeugen, dass es nicht in unserer Verantwortung liegt, was wir tun oder lassen. Es ist die böse, kontinuierlich fortschreitende Zeit, die uns einen Strich durch die Rechnung macht. Wir würden ja so gerne, aber leider, leider, sind wir  keine 15 mehr. Blödsinn. Am Ende ist „Ich bin zu alt dafür“ ein Korsett, das von Anderen für uns geschneidert wurde.

Warum mich das so nervt? Weil ich finde, dass diese Angepasstheit unsere Welt schrecklich langweilig macht. Und weil ich einfach nicht damit aufhören kann, es schade zu finden, wenn andersartige, interessante Menschen, Hemmungen haben. Und zuguterletzt ist es schlichtweg Irrsinn, jahrelang darauf zu warten, endlich volljährig zu sein, weil man sich nach der gedanklichen und finanziellen Freiheit des Erwachsenseins sehnt, nur um sich dann nach einer kurzen Zeitspanne wieder selbst zu beschneiden.

Schon klar, wir wollen alle vorwärts kommen. Wir wollen Erfolg haben, bei dem, was wir tun. Wir wollen nichts dem Zufall überlassen, Risiken minimieren. Nur schließt das Eine das Andere nicht zwangsläufig aus. Es gibt Studien darüber, dass die guten Jobs oft gerade diejenigen Studenten bekommen, die häufig feiern gehen. Warum? Weil sie in ihrer Freizeit Bekanntschaften schließen, weil sie auf Partys Sympathisanten und Verbündete finden. Nur so als Beispiel.

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. (Friedrich Nietzsche)

 

Also. Lasst uns doch aufhören, mit dieser grässlichen Überangepasstheit. Wir sind nicht zu alt zum Träumen. Wir sind nicht zu alt dafür, zu scheitern und wieder aufzustehen.

Wir sind zu alt dafür, auf die Erlaubnis unserer Mitmenschen zu warten, wenn wir etwas Ungewöhnliches tun wollen. Wir sind alt genug, selbst zu entscheiden, wie unser Leben aussehen soll. Und schließlich sind wir dann ja auch alt genug dafür, die angenehmen sowie unangenehmen Konsequenzen für unser Handeln zu tragen.

Ich für meinen Teil, freue mich jetzt schon darauf, meine Mitmenschen zum Lachen zu bringen, wenn ich als 70-jährige Omi Bock habe, mit meinem faltigen Hintern auf Hip Hop zu twerken.

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