Nicht geschimpft ist gelobt genug, Mutter.

Kinder. Wunderbar oder? Sie kichern, sie duften und sie machen unsere ernste Welt zu einem liebevolleren Ort. Sie haben kleine Händchen und Füßchen und sie umarmen und sie küssen dich, so dass die Sonne aufgeht. Da gibt es solche Abende, da liegen meine Kleinen im Bett und schlafen so friedlich, wie nur Kinder schlafen können. Und dann zieht der Tag an mir vorüber und ich weiß, was ich geschafft habe. Ich sehe die beiden, wie sie mit Freunden spielen, höfliche Smalltalks mit Omis führen, Bilder für ihre Liebsten malen und mir bei der Gartenarbeit helfen.

Ich erinnere mich, wie ihnen mein Essen geschmeckt hat, so dass ihre Gesichter voller Soße waren und dann bin ich stolz auf mich, weil das Abendessen auch noch gesund war und weil wir gemeinsam gekocht haben und sich dabei kaum jemand in den Finger geschnitten hat. Dann klopfe ich mir selbst auf die Schulter, weil wir auch vorbildlich gemeinsam aufgeräumt haben, obwohl es alleine viel schneller gegangen wäre und weil ich am Morgen mit liebevoller Geduld auf die Trotzanfälle meines Sohnes eingehen konnte, während mich eigentlich gerade selbst total angepisst hat, dass seine blöden Lieblingsschuhe nicht auffindbar waren, obwohl wir dringend los mussten. Dann freue ich mich darüber, Prioritäten setzen zu können und statt dem Kapitel für die Uni noch ein bisschen Gute Nacht Geschichten vorgelesen zu haben. An solchen Tagen bin ich wahnsinnig stolz, weil es mir im Alltagsstress gelingt, mich darauf zu konzentrieren, was mir wichtig ist. Nämlich meine Kinder zu wertvollen und glücklichen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu erziehen.

Der Neid auf die anderen

Manchmal aber, bin ich unglaublich neidisch. Neidisch auf kinderlose Menschen. Neidisch auf Männer. Neidisch auf all meine Kommilitonen und Kommilitoninnen, die morgens vor der Uni in Ruhe duschen können, ohne dass dreimal einer an die Tür klopft, weil die Rosinen in dem doofen Müsli wie doofe Käfer aussehen. Und das verbittert mich, obwohl ich verbittert sein scheiße finde.

Dann denke ich mir: Wertvolle Mitglieder dieser Gesellschaft erziehen? Fuck off. Die Gesellschaft, die nur funktionieren kann, wenn sie von fairen, engagierten und mitfühlenden Menschen weitergeführt wird, interessiert einen Scheiß, dass ich jeden Tag mit Blut und Schweiß versuche, diese fairen, engagierten und mitfühlenden Menschen zu reproduzieren und dabei meine persönlichen Ziele zurück stelle.

Ja, es ist ein verdammtes Projekt, Werte zu leben und weiterzugeben. Aber jaaaaaaa, es ist natürlich kein vergleichbares Projekt, wie zum Beispiel erfolgreiche Kundenakquisition mit steigenden Verkaufszahlen und nachhaltiger Käuferbindung! Das sagt mir auch mein Kontostand. Das sagen mir meine Noten. Das sagt mir das verdammt vorwurfsvolle, regelmäßige Schreiben der Rentenversicherung. Manchmal habe ich das Gefühl, das sagt mir die ganze Welt. Fuck off.

der tägliche kampf gegen die verbitterung

Ihr merkt schon. Verbitterung. Nicht immer, aber oft mit einer Wucht, dass ich mich kaum zügeln kann. Heute, zum Beispiel, musste ich mich beherrschen, meinen Prof. in seinem maßgeschneiderten Anzug nicht über den Tisch zu ziehen, um ihn mit seiner spießigen Krawatte zu würgen. Nur, weil er einfach Karriere machen konnte und jetzt über soziale Ungleichheiten referieren und forschen darf, während ich soziale Ungleichheiten täglich spüre und eigentlich viel besser weiß, was das bedeutet. Dabei weiß ich nicht mal, ob er überhaupt einfach Karriere machen konnte oder nicht doch tatsächlich alleinerziehender Vater mit unglaublich vielen Steinen im Weg ist. Oder sonst irgendwelche Schicksalsschläge erlitten hat. Doch der Neid sagt mir, dass das definitiv nicht der Fall ist. Und die Zahlen, die ich ironischerweise auch noch während meines Studiums lerne, sagen mir, dass der Typ sich eben noch nie `nen Harten machen musste, was Familienfürsorge betrifft und sich beim Wort Fürsorge auch nicht angesprochen fühlt. Einfach nur, weil er mit einem Penis geboren wurde.

Ich dachte immer, dass mich das gelegentlich so tierisch nervt, liegt an der begrenzten Zeit, die mir für meine eigenen Bedürfnisse zur Verfügung steht. Aber inzwischen zweifle ich daran. Es entspricht nämlich unter anderem meinen eigenen Bedürfnissen, dass meine Kinder Geborgenheit erfahren und ihre Kindheit genießen können. Ich will das so, ich will eine hingebungsvolle Frau und Mutter sein. Und die Zeit für mich, die nehme ich mir schon. Wenn auch mit mehr Gegenwind, als ein Vater, der mit seinen Kumpels einen heben geht.

Nein, ich glaube, der Frust kommt von der mangelnden Wertschätzung, die wir für unsere Jobs bekommen. Bei uns gilt: Nicht geschimpft ist gelobt genug. Denn mit Kritik wird ja großzügig umgegangen. Kind zu still, Kind zu laut, Kind zu dick oder Kind dreckig? Kind zu unruhig oder Kind zu egoistisch, Kind zu vorlaut oder Kind so seltsam in sich gekehrt? Ey Muddi, hast du´s nicht im Griff oder was? Kinder adrett aber Mutter zu dick? Tzzzzz, man muss sich ja echt nicht so gehen lassen. Mutter drei Tage ohne Kinder im Wellnessurlaub? Egoistisches Miststück. Mutter arbeitet nicht? Glucke. Faul. Faule Glucke. Mutter arbeitet Vollzeit? Ja wofür hat die denn Kinder bekommen???!!

Die ewige Besserwisserei, ein alter Hut, wie genügend Mama Blogs bestätigen. Aber Wertschätzung oder gar Lob? Nope.

Ich für meinen Teil bin zumindest noch nie schwitzend bei einem Event angekommen, bei dem ich dann gelobt wurde, pünktlich zu sein und das obwohl ich noch endlos diskutieren musste, warum man bei 28 Grad Sonnencreme braucht und Gummistiefel auch dann unangebracht sind, wenn sie blinken. Niemand fragt nach den 6 Unterbrechungen einer einzigen Tätigkeit, zu der man ohnehin keine Lust hatte, zu der man sich aber dann 6 mal neu motivieren muss. Es ist selbstverständlich, dass ich meine eigenen Gedanken über den Inhalt einer mir sehr wichtigen Seminararbeit zurückstelle, um stattdessen meinem Sohn zuzuhören, wie er über ein zweites Dachfenster im Auto philosophiert und darüber, dass das dann ja eigentlich fast ein Cabrio wäre und dass er dann lacht und ich dann mitlache, obwohl mir gerade gar nicht zum Lachen zumute ist, weil ich weiß, dass die Seminararbeit wegen Zeitmangel scheiße wird und mich das Thema aber doch so sehr interessiert und mir dann wie so oft der Intellekt in meinem Leben fehlt.

Ja, ich tue mir heute einfach ein bisschen selbst leid, denn dann komme ich auf solchen Events an und natürlich meint das keiner böse, doch dort werden dann Männer für ihren tollen, neuen Firmenwagen gehyped und ich werde höchstens gefragt, wann ich denn jetzt fertig bin mit dem Studium und wieder Geld verdiene. Wisst ihr was? Ich verdiene Geld. Ich bekomme nur keins.

 

 

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2 Replies to “Nicht geschimpft ist gelobt genug, Mutter.

  1. Den letzten Satz möchte ich einfach nur dick und fett unterstreichen!
    *drück* Sabrina

    PS: Und danke,für dein großartiges Projekt, die Welt durch deine tollen Kinder mit wundervollen Werten zu einem etwas besseren Ort zu machen!

    1. Hallo Sabrina,

      den letzten Satz mag ich auch total, das freut mich 🙂

      Das fühlt sich aber gut an, wenn jemand einfach so Danke für dieses Projekt Kinder zu einem sagt. Das werd ich jetzt auch öfter machen. Vielen Dank <3

      Liebe Grüße,
      Jenny

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