Wie kann ich verhindern, dass wir uns an die AfD gewöhnen?

Seit gestern erinnere ich mich an eine Theorie der Wissenssoziologie, die sich damit befasst, wie unsere Wirklichkeit eigentlich entsteht. Wie entwickelt sich das, was wir als wahr und gut annehmen und verteidigen?

Nehmen wir als Beispiel die Farbe Grün. Dass diese Farbe so heißt, war nicht schon immer so. Der Name der Farbe ist menschengemacht. Wir vergessen das, aber, dass Gras grün ist, war nicht einfach von Beginn an Wirklichkeit. Es wurde in einem langen Prozess aus Lauten und Gesten im gemeinsamen Konsens beschlossen, damit jeder weiß, was grün ist. Der Einfachheit halber.

Oder nehmen wir die Farbe Rosa, über die irgendwann einmal beschlossen wurde, dass sie eine Mädchenfarbe sei. Unsere Wahrheit über Rosa entstand aus wiederholten Handlungen, wiederholtem Anziehen von rosa Kleidchen, so dass es irgendwann zur Selbstverständlichkeit für Mädchen wurde, sich mit der Farbe zu identifizieren. Wir vergessen das, aber auch diese Wirklichkeit wurde in einem gesellschaftlichen Prozess konstruiert. Das wissen wir alle. Und wir alle wissen auch, dass diese Norm keinerlei rationale Grundlage hat. Und trotzdem fühlt es sich seltsam an, den eigenen Sohn in rosa Shirt in den Kindergarten zu schicken. Weil es die Mehrheit eben nicht macht. Der Einfachheit halber.

Und jetzt nehmen wir die Farbe braun. Diese Farbe stand einst für eine Gruppierung von Menschen, die Angst, Schrecken und Tod verbreitete. Diese Gruppierung war auch nicht einfach da. Sie entstand und wuchs. Und auch das passierte im gemeinschaftlichen Konsens. Der musste nicht mal einstimmig, mehrheitlich sein. Mit Gemeinschaft meine ich die, die das Ganze aktiv unterstützten und ich meine auch diejenigen, die nichts dagegen unternahmen und es ignorierten. Sie befanden sich in einer ähnlichen Situation wie diejenigen, die heute ihrem Sohn verbieten, rosa Kleidung zu tragen, obwohl er es gern möchte. Diese Leute haben sich nicht getraut, wiederholt ihren eigenen Verstand zu verteidigen. Der Einfachheit halber. Sie haben unendlich viele Menschenleben auf dem Gewissen. Und auch das scheinen wir gerade zu vergessen.

Denn wenn ich mich heute durch Facebook scrolle, fehlt mir das allgemeine Entsetzen. Ich spüre kein kollektives Handlungsbedürfnis. Da sind natürlich die üblichen Personen, von denen ich auch erwartet habe, dass sie etwas Kritisches zum Wahlergebnis posten, aber sonst? Nichts. Katzenvideos, Sprüche zum Nachdenken (ich sag mal nix) und Urlaubsfotos. Wow.

Das beunruhigt mich. Denn das ist kein verdammter Film, der da im Fernsehen läuft. Das war vor zwei Tagen keine abwechslungsreiche, gute Unterhaltung, als Alternative zum sonst so öden Sonntagsprogramm. Eine rechtsextreme Partei hat Sonntag beinahe 13 verfluchte Prozent der Wählerstimmen erhalten und gerade ihre Jagd angekündigt. Und zwar wörtlich.

Als meine Tochter diese tanzenden Kackhaufen malte, wusste sie noch nicht, dass sie die AfD auf ihrer Wahlparty darstellen würden.

Noch vor wenigen Jahren war das unvorstellbar. Da war ich mir sicher, dass die Menschheit niemals so unreflektiert wäre, noch ein einziges Mal eine Partei mit derartig menschenverachtendem Gedankengut durchzulassen. Doch jetzt gerade habe ich Angst, dass wieder einer dieser Legitimationsprozesse im Gange ist und wahr geglaubtes schleichend umdefiniert wird. Mir graut davor, dass man sich an die AfD gewöhnt. Als hätte eine Desensibilisierung für ihre aggressiven Statements stattgefunden. Als hätte man halt keinen Bock mehr, rumzustreiten und sich in großen Teilen arrangiert. Der Einfachheit halber.

Und jetzt sitzen diese Leute im Parlament. Und haben sogar noch etwas zu melden. Was kommt als Nächstes? Erleben wir gerade modernisierte Vergangenheit?

Male ich den Teufel an die Wand? Ja schon. Denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Und je mehr sich Gaulands und Petrys in unserer Mitte einnisten können, desto mehr werden wir uns (wenn auch zähneknirschend) an sie und ihre bösartigen Statements gewöhnen. Wie an den ungeliebten, senilen Onkel mit Alkoholfahne, dem man auf Familienfeiern durchgehen lässt, dass er mit seinen schmierigen Fingern ständig nach den Frauen grapscht. Ob es Zufall ist, dass Herr Supergau optisch gesehen genau jener Onkel sein könnte?

Wir haben Ähnlichkeiten mit diesen peinlich berührten Familienmitgliedern, die akzeptieren, dass ihre Grenzen verletzt werden, weil sie keinen Bock auf Diskussionen haben. Wir sind lieber höflich und unauffällig und sparen uns den Stress. Und ich verstehe das. Wir haben genug Ärger den ganzen Tag. Wer will sich nach einem stressigen Arbeitstag schon auch noch streiten müssen? Keine Sau. Und das sollt ihr ja auch gar nicht. Ich will überhaupt keine aufgeladenen Stammtischdebatten hören und lesen, bei denen wütende Linke und wütende Rechte mit niveaulosen Beleidigungen um sich werfen. Aber was ich noch viel weniger will, ist ein Totschweigen und Ignorieren und stilles Hoffen, dass schon alles gut gehen wird. Die AfD wird sich nicht ignorieren lassen, da bin ich mir sicher.

Mir ist darum die Diskussion darüber wichtig, wie sich der Umgang mit diesen Leuten stattdessen gestalten sollte. Die halbherzige Reaktion im Netz, die ich beklagt habe, interpretiere ich nämlich auch als Zeichen der Unsicherheit.

Deshalb hier meine Fragen: Wie verteidigt man seine Werte, die Frieden und Freiheit beinhalten, ohne selbst Gewalt anzuwenden? Und bringt das dann überhaupt was? Wie reagiere ich auf die, die Macht missbrauchen wollen, ohne selbst meine Position auszunutzen? Wie biete ich Hetzern möglichst wenig Bühne einerseits und verhindere eine Gewöhnung andererseits?

Das ist die Diskussion, die ich mir gerade wünsche. Denn ich will nicht, dass die Menschen die AfD akzeptieren. Und ich bestehe darauf, dass es deutlich uncool und ein Tabu bleibt, fremdenfeindliche Aussagen zu treffen und pauschal zu verurteilen. Ich wünsche mir, dass unreflektiertes, feindseliges Gebrabbel sofort sanktioniert wird. Als Statement. Ich wünsche mir aber auch, dass die Grundstimmung nicht vergiftet wird, so dass wir am Ende selbst hasserfüllte, unreflektierte Personen sind.

Deshalb freue ich mich auf Kommentare und eine fruchtbare Diskussion. Es interessiert mich brennend, welchen Umgang ihr für euch gefunden habt. Ignoriert ihr Pro AfD Postings? Wie reagiert ihr auf die Nachbarin / den Frisör / den Mann im Wartezimmer, der rassistische Bemerkungen von sich gibt? Was ist mit euren Verwandten? Riskiert ihr die Stimmung? Fragt ihr nach? 87 % der Wähler wollten die AfD ja offensichtlich nicht in der Regierung haben – wie gehen diese nun mit der Situation um?

 

Ich bin gespannt auf Eure Mails, Kommentare und Beiträge. Und auch ich werde mich die nächste Zeit mit dem Thema beschäftigen und nochmal einen separaten Beitrag dazu posten.

 

 

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