Tage, an denen ich mir einen Penis wünsche

Im Arsch auf der Autobahn

Da sitze ich also. Hinter der Leitplanke, auf der Wiese, am Rand der Autobahn. Die Fahrzeuge sausen beängstigend schnell an mir vorbei und ich friere erbärmlich. Unter meinem kurzen Kleid trage ich nämlich nur eine dünne, schwarze Strumpfhose, darüber einen Mantel. Es ist kalt und ich wünschte, ich hätte mich wärmer angezogen. Aber wer konnte schon ahnen, dass mein alter BMW heute mitten auf der Autobahn den Geist aufgeben würde. Die Tränen brennen in meinen Augen, denn bei der Hotline des ADAC sagte man mir, dass das Abschleppen für Nichtmitglieder 200 Euro kosten würde. In diesem Moment kommt der ADAC Mitarbeiter angebraust und begrüßt mich, so wie ich da sitze, mit den Worten „Hi Schneckchen“.

Getrennte Frau mit Kindern ist nicht familie

Ich bin nämlich eine Frau, wisst ihr. Eine getrennte Frau besser gesagt, die seit nicht allzu langer Zeit mit ihren zwei Kindern alleine wohnt und versucht, endlich ihr Studium abzuschließen. Eine Frau, die mit ihren Kindern gerade erst aus dem Mietverhälnis eines kleinen Häuschens mit großem Garten entlassen wurde. Wegen Eigenbedarfs der Vermieter. Kurz nachdem ihr Mann ausgezogen ist.

Zufall? Fakt ist: Der bereits angekündigte Eigenbedarf wurde bei Einzug, eineinhalb Jahre zuvor, auf in ca. 10 Jahren geschätzt. Doch da waren die Parameter auch noch anders. Heute sind wir nicht mehr „Familie mit Kindern“ sondern „Getrennte Frau mit Kindern“. Und das ist hier, auf dem Dorf, etwas deutlich anderes. Hier auf dem Dorf, wo über meine frühere Ehe behauptet wurde: „Der arme Mann. Wenn der von der Arbeit nach Hause kommt, geht erst mal der Staubsauger an.“ Hier auf dem Dorf, wo man munkelt, der Mercedes meines neuen Lebensgefährten wäre ein Beziehungsargument für mich.

Pleite aber Flexibel

Ich hocke also da und überschlage panisch meine Ausgaben. Und komme immer wieder zum gleichen Ergebnis: Ich studiere, ich bin zweifache Mutter, ich habe einen Umzug zu bezahlen und mir werden gleich 200 Euro abgeknöpft, die ich ohnehin nicht habe. Mein Auto ist vielleicht komplett hinüber, doch ich brauche es, um zu meinem Studienort zu kommen, um bitte bald wieder das Geld verdienen zu können, das ich nicht habe. Mit einem Job, den ich vielleicht gar nicht kriegen werde, weil das Betreuungsangebot für meine Kinder nur von 8 – 16 Uhr geht. Ach, die Kinder. Wer soll sie denn dann heute abholen? In diesem Moment befinde ich mich am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil mir die Spirale bewusst wird, in die ich mich manövriert habe.

Ihr fragt euch jetzt vielleicht: Wieso studiert diese Frau, wenn sie doch so dringend Geld benötigt? Die Antwort lautet, ich bekomme den Höchstsatz BaföG und bin trotzdem als Mutter flexibel. Das BaföG besteht zwar zu einem Teil aus Schulden, jedoch ist der Betrag, den ich monatlich erhalte, vergleichsweise so viel Geld, wie ich mit meinem erlernten Beruf verdienen würde. Ich bin gelernte Bürokauffrau und in meiner Region ist ein Nettogehalt von 1.000 Euro bei einer Vollzeittätigkeit nicht unüblich. Schon gar nicht bei meiner Steuerklasse. Ich war nämlich so intelligent zu heiraten. Und welche Steuerklasse habe ich gewählt? Na klar, die schlechtere, denn ich bin ja eine Frau. Und Familienfürsorge, so lange die Kinder noch klein sind, war meine selbsterwählte Priorität.

Die (wenigstens halbwegs intelligente) Rechnung war zu Beginn meines Studiums die: Ich kümmere mich als Mutter hauptverantwortlich um Familienangelegenheiten, doch tue wenigstens zeitgleich etwas für meine eigene Karriere. Denn wenn ich nicht zu Veranstaltungen der Uni erscheine, weil Arzttermine, Kinder krank oder Ferien, interessiert das keine Sau. Anders als bei den üblichen Arbeitsmodellen habe ich so fast durchgehend von zu Hause aus studiert und war somit in der Lage zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie am Wochenende zu arbeiten. Je nachdem, wie die Situation mit den Kindern und Prüfungen es gerade erforderte. Und weiter: Ich durfte wegen der Kinder langsamer studieren, als üblich. Und so kommt es, dass ich eigentlich längst mit dem Studium fertig wäre und arbeiten könnte. Hätte ich den Fokus auf das Studium gelegt. Doch das habe ich nicht. Weil ich eine Frau bin.

Der gelegentliche Wunsch, als Mann geboren zu sein

Ich bin ja zum Glück auch eine Frau, die Unterstützung angeboten bekommt. So waren es zum Beispiel mein Vater und auch mein neuer Lebensgefährte, die mir an diesem grässlichen Pannentag sagten „Wir schaffen das schon.“ Doch – bei aller Dankbarkeit – versteht ihr, dass ich kotzen könnte, weil diese zwei Personen Männer sind? In mir sträubt sich einfach alles, wenn ich diese gut gemeinte Hilfe angeboten bekomme, weil es aus genannten Gründen mein tiefster Wunsch ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Keinen Mann zu brauchen. In diesem Moment auf der Autobahn besitze ich keinen Funken Stolz mehr und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als einen Penis. Einen eigenen.

Da steht also dieser ADAC Typ vor mir, der seinen Beruf des Abschleppers zu wörtlich nimmt und sagt tatsächlich „Hi Schneckchen“ zu mir. Der Typ, auf den ich gerade angewiesen bin. Und mir, die normalerweise eine riesengroße Klappe hat, fällt nichts dazu ein, außer meine Augenbrauen hochzuziehen. Weil die Alternative losheulen wäre.

Da steige ich dann also in seinen Wagen ein und er sitzt am Steuer und philosophiert mit dem Radiomoderator über Heizdecken und dass er keine bräuchte, weil er nie frieren würde, weil er ohnehin immer nackt schlafen würde und ich sitze daneben, ignoriere schweigend die billigsten Anmachversuche und meine Gedanken drehen sich nur noch im Kreis. Und das schlimmste ist, es sind Gedanken dabei, wie „Sollte ich einfach ein bisschen nett mit ihm flirten, vielleicht muss ich dann weniger bezahlen?“ oder „Warum muss ich mich auch so aufreizend anziehen?“. Allein, dass solche Gedanken in meinen Kopf schießen können, zeigt, wie selbstverständlich diese alltägliche Sexismusscheiße ist.

Endlich bei der Werkstatt angekommen, bleibe ich im Auto sitzen und warte auf meinen Lebensgefährten. Ich gehe gar nicht erst alleine rein, weil ich weiß, dass mich die Mitarbeiter dort sehen und nicht ernst nehmen werden. Weil ich eine Frau im Kleid bin, die keine Ahnung von Autos hat. In diesem Moment beschließe ich, ein verdammter Profi auf diesem Gebiet zu werden.

 

Und die Moral von der Geschicht?

1. Da die Mitarbeiter der Werkstatt bis zum nächsten Tag keine Zeit hatten, haben mein Lebensgefährte und ich das Auto selbst repariert. Ja, ich bin vor Stolz fast geplatzt. Ich weiß jetzt, was ein Verteilerfinger ist, dass er den Zündfunken der Reihe nach auf die einzelnen Zündkabel verteilt und ich weiß, dass er im völlig zerbröselten Zustand dafür sorgt, dass ein Auto nicht mal mehr zuckt. Und ich weiß, dass es überhaupt kein Stress ist, dieses Teil selbst auszutauschen. Und wisst ihr, was ich noch weiß? Dass ich keine Aufgabe des Lebens mehr als Männersache für mich unbeachtet lassen werde.

2. Es wird mir nicht mehr passieren, dass ich in solchen Situationen den Mund nicht aufbekomme. Ganz egal, ob man mich in diesem Moment für eine verbitterte Bissgurke hält, die „ein Kompliment falsch versteht“. Ich bekomme gerne Komplimente. Aber das, lieber ADAC Idiot, war ein einfaches Ausnutzen meiner hilflosen Situation. In freier Wildbahn hätte ein Typ wie du sich nämlich vor mir in die Hose gemacht. Du arme Wurst. Deshalb hier mein total schlagfertiges: Hast du eigentlich den Arsch offen???!

3. Am hässlichsten finde ich ja, wenn sich Frauen gegenseitig sexistisch diskirminieren und es nicht mal bemerken. So grüße ich hier ein paar Mädels, denen ich von Herzen wünsche, dass ihr Mann ihnen heute Abend ein Bier auf`s Sofa bringt. Und auch der Twitter Nutzerin, die kürzlich zwitscherte, sie käme

„…nicht umhing zu fragen, vögelst du noch oder bist du schon Feministin?“.

möchte ich sagen: ich bin nicht nur eine Feministin, die leidenschaftlich gerne fickt, ich blase sogar gerne. Freiwillig. Und schon während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich, dass zwischen dem Bild einer „frigiden Männerhasserin“ und einer „freizügigen Schlampe“ manchmal nur zwei Wörtchen liegen können. Findest du das nicht auch schade?

4. An die Menschen, die mir als Frau niedere Beweggründe beim Eingehen einer Beziehung unterstellen wollen: Mich interessiert nur, dass mein neuer Mann einen Staubsauger bedienen kann. Wisst ihr doch. Es mag mir finanziell schlecht gehen, aber emotional bin ich entspannt wie nie zuvor, weil mein Lebensgefährte anpackt, wo es nur geht und dabei nicht zwischen Männer- und Frauenarbeit unterscheidet. Sowas wünsche ich euch allen von Herzen!

 

Ihr lieben Leser. Sexismus hat mit Sex nur so viel zu tun, wie ein Abschleppdienst mit dem Klarmachen von Frauen. In der #MeToo und #Sexismus Debatte geht es einzig und allein um die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts. Oder, um es in den Worten des tollen Soziologen Pierre Bourdieu zu sagen:

Symbolische Macht ist Macht, die wirkt, weil die Beteiligten nicht erkennen (wollen), dass eine Machtbeziehung vorliegt und demnach auch die Willkür dieser Macht tolerieren.

Deshalb: „Speaking your own truth is the most powerful tool“ (Oprah Winfrey, 2018)

 

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2 Replies to “Tage, an denen ich mir einen Penis wünsche

  1. Toller Text. Und damit meine ich jetzt nicht einfach „starke Frau“. Mir geht es eher um die Formulierungen und Gedanken. Sehr viele, kluge Verknüpfungen die sofort zur Selbstreflexion führen. Intelligent und – leider muss man sagen – sehr wahr.
    Eine Bitte habe ich aber, auch wenn ich deinen Gedankengang nachvollziehen kann: sieh die Hilfe von Menschen wie deinen Vater und deinem Freund nicht auf diese Art. Hier möchten Menschen einem lieben Menschen helfen – unabhängig vom Geschlecht. Das sollte im Hinterkopf bleiben.

    Viel Erfolg bei deinem Studium. Du wirst die richtigen Entscheidungen treffen, vertraue deinem Gefühl und manchmal auch anderen Menschen!

    1. Hallo Sebastian,

      ich freue mich sehr über deine lobenden Worte, danke dafür! 🙂 Mit deiner Bitte hast du vermutlich Recht. Hilfe einfordern und annehmen ist ja nochmal ein extra Thema, das uns Frauen gern in der Spirale hält.

      Liebe Grüße,

      Jenny

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